Felicitas Heyne: Warum uns Nachhaltigkeit gut tut

Felicitas Heyne über Nachhaltigkeit


Lust auf ein glücklicheres Leben? Interview mit der Diplom-Psychologin und Autorin Felicitas Heyne über den Wert der Nachhaltigkeit.

Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit in unserem Leben?
In Joachim Heinrich Campes »Deutschem Wörterbuch« von 1809 steht diese Definition: „Nachhalt ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.“ Und die Autoren der Studie „Grenzen des Wachstums“ suchten 1972 nach einem Modell für ein Weltsystem, das nachhaltig (sustainable) sein sollte, was in dem Zusammenhang bedeutete: „Gegen einen plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps gefeit“.

Und was bedeutet das jetzt auf die Gegenwart bezogen?
Wenn man diese Definitionen zugrunde legt, wird ein Grund dafür deutlich, warum Nachhaltigkeit gerade heute solch ein Thema ist. Denn wir empfinden uns immer mehr als winzige Rädchen in einer globalen Vernetzung, die mit permanent zunehmender Komplexität auch immer unüberschaubarer, störanfälliger und eben vom jederzeitigen Kollaps im Großen wie im Kleinen bedroht ist. Irgendwo geht eine Winzigkeit schief, und zack herrscht weltweit Chaos. Fukushima 2011 war dafür natürlich ein Beispiel, aber auch der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010, der plötzlich den ganzen Reiseverkehr lahmlegte, oder die fürchterlichen Brände in den Textilfabriken in Bangladesh. Und plötzlich wird uns sehr deutlich, wie anfällig das ganze System ist, wie schnell alles zusammenbrechen kann, und auch unsere Einzelverantwortung als Konsument springt uns an solchen Stellen ins Gesicht.

Inwiefern?
Naja, angesichts dieser Entwicklungen kommen wir gar nicht umhin festzustellen, dass es eben nicht egal ist, wo ich meine Klamotten kaufe oder welchen Stromanbieter ich wähle. Und dann lesen wir vielleicht auch noch so ein Buch wie »Blackout« und begreifen, dass es bloß eines gut gezielten Hackerangriffs in der nächsten halben Stunde bedarf und dann haben wir aber alle ein echtes Problem an der Backe. Und diese ganzen Eindrücke erzeugen in uns selbst dann natürlich auch zunehmend den Wunsch nach mehr Autonomie, denn wir Frauen fühlen uns als Konsumentinnen ja auch oft mega-hilflos angesichts dieser ganzen Verquickungen, die wir überhaupt nicht mehr durchschauen und in ihren ganzen Konsequenzen ja auch gar nicht mehr überblicken können.

Du sprachst gerade von uns Frauen. Ist Nachhaltigkeit denn ein Frauenthema?
Frauen sind im allgemeinen sehr viel empathischer mit anderen – ob nun qua Geschlecht oder qua Sozialisation sei dahingestellt. Frauen kümmern sich, Frauen fühlen sich verantwortlich, Frauen leiden mit anderen mit. Deswegen gehen sie für den Tierschutz auf die Straße, pflegen die alte Oma und legen viel Wert drauf, dass alle sich gemeinsam mit ihnen wohlfühlen. Insofern sind Frauen natürlich oft auch viel empfänglicher für Botschaften wie die, dass wir unseren Wohlstand nicht auf Kosten anderer haben sollten, dass wir mit unserem Lebensstil das Ökosystem ruinieren und zu viel Tierelend und noch mehr Menschenelend in anderen Ländern beitragen.

Warum gibt uns ein bewusstes, nachhaltiges Verhalten ein gutes Gefühl?
Wir sind doch in praktisch allen Lebensbereichen jederzeit äußerer Willkür ausgeliefert: mein Chef kann mir morgen kündigen, mein Mann ist nur einen Mausklick von fünf Millionen sexhungrigen Tindernutzerinnen entfernt und ob ich die Mail hier noch abschicken kann, liegt in den Händen von meinem Provider, meinem Stromanbieter und was weiß ich noch wem alles! Das Gefühl, meine eigenen Tomaten auf der Terrasse hochzuziehen oder bis aufs letzte Garnfädchen Bescheid zu wissen, wer an der Produktion meiner Wäsche alles beteiligt war, wirkt dem wenigstens ein bisschen entgegen.

Weil uns dieses Wissen das Gefühl gibt, wieder etwas Kontrolle über unser Leben zu bekommen?
Richtig. Es ist ein Gefühl von Kontrolle, ein Gefühl übrigens, mit dem wir uns bis vor gar nicht so langer Zeit noch in relativer Sicherheit wiegen konnten. Es fühlte sich in etwa so an: Wenn ich rechtzeitig mit dem Holzsammeln angefangen habe, dann kann ich davon ausgehen, dass ich es im Winter warm haben werde und wenn nicht gerade ein Mega-Hagel meine Ernte komplett vernichtet und ich mich ansonsten gut kümmere, dann werde ich vermutlich auch genug zum Essen haben. Dieses Gefühl vermissen wir und wir erhoffen uns, es in einem nachhaltigen Leben wiederfinden zu können.

Aber geht es bei dem Thema Nachhaltigkeit nicht auch immer ein Stück weit um Selbstwerterhöhung? Motto: Ich bin ein umso besserer Mensch, je nachhaltiger ich lebe.
Wie so viele auf den ersten Blick eher uneigennützig scheinende Handlungen geht es auch bei dem Thema Nachhaltigkeit nicht unbedingt nur um altruistisches Verhalten ohne unmittelbaren direkten Nutzen für die eigene Psyche. Aber im Prinzip ist es doch völlig egal, weswegen ich mir jetzt auf die Fahne schreibe, dass ich den Planeten retten will – ob aus egoistischen Motiven heraus oder aus anderen. Hauptsache, ich rette ihn überhaupt und werde dadurch ein bisschen glücklicher.

Versteckt sich also hinter dem Nachhaltigkeits-Gedanken auch ein Glücks-Faktor?
Jede Form von Engagement, das in irgendeiner Form sinnstiftend auf mich wirkt, macht glücklich. Weil wir Menschen nun mal nach Sinn und einer Transzendenz in unserem Leben hungern, weil wir wissen, dass wir endlich sind und weil wir gern etwas schaffen wollen in unserer Zeit hier auf der Welt, das über uns hinausweist, das größer ist als wir, das uns überdauert. Und wenn mein Engagement für Nachhaltigkeit für mich Sinn macht, meinem Leben also Sinn gibt, macht es mich auch glücklich.

 


INFOS ZU FELICITAS HEYNE
Felicitas Heyne ist nicht nur eine der bekanntesten Psychologinnen Deutschlands, sondern eine erfolgreiche Buchautorin, deren Ratgeber bislang in über 100 Ländern weltweit verkauft wurden. Sie ist Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Psychologen (BDP) sowie International Affiliate der American Psychological Association (APA). Darüber hinaus hat Felicitas Heyne mit dem iPersonic System einen der erfolgreichsten Persönlichkeitstests entwickelt, mit Millionen von Nutzern in über 150 Ländern. Auf ihrem Blog kanarisch.de schreibt sie über ihr Leben auf Gran Canaria und das Katzenschutzprojekt, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann ins Leben gerufen hat.

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