Made in Italy: Sweatshops in Italien

Made in Italy
Nicht nur die großen Textilgiganten, auch Luxusmarken nutzen inzwischen die Euro-Sweatshops, um mehr Geld zu machen. Auch in Italien schuften Textilarbeiter unter katastrophalen Bedingungen für die Modebranche. Es ist ein perfides Spiel: ein T-Shirt für drei, ein Rock für 15, ein Pullover für zehn, ein Schal für fünf Euro: Preise, die schlechtes Gewissen förmlich ausradieren. Millionen Käufer greifen zu, vergessen die Katastrophen in den Textilfabriken von Bangladesch, Pakistan und anderswo, die bereits aberhunderte Menschenleben kosteten. Und wer erinnert sich schon noch an das Schicksal der 18 Jahre alten Arbeiterin Fatema Akter in Chittagong? Sie starb 2009 an Erschöpfung, weil sie an sieben Tagen in der Woche 13 bis 15 Stunden täglich Jeans reinigen musste, 100 Stück in der Stunde. Immerhin: Nach einer Umfrage achten rund 13 Prozent der Deutschen inzwischen darauf, ob ihre Textilien sozialverträglich hergestellt sind. Eine große Anzahl von Labeln weist dem Konsumenten den Weg zum sozial und ökologisch korrekten Einkauf. (Einen guten Überblick über die Einhaltung von Lohn- und Sozialstandards liefert die Seite siegelklarheit.de).

Trauriger Alltag: Billiglohnarbeit in der italienischen Textilbranche 

Auf den ersten Blick scheint auch in Europa produzierte Kleidung eine vernünftige Alternative zu Textilien aus Fernost zu sein. Doch das ist eine gefährliche Illusion. Die wirtschaftliche und finanzielle Krise sorgt dafür, dass sich heute auch in der europäischen Kleidungsindustrie Lebens- und Arbeitsbedingungen finden, wie es sie zuletzt vor 100 Jahren und mehr auf diesem Kontinent gab. Einfallstor für diese Entwicklung ist ein Land, das wie kaum ein anderes die Modewelt prägt: Italien. »Der globale Wettbewerb um immer schlechtere Bedingungen kehrt in Form zunehmend prekärer, ungeschützter und flexibilisierter Arbeitsverhältnisse zurück«, sagt Francesco Gesualdi, Autor einer Studie über die neue Billiglohnarbeit. Sie wurde von der Nichtregierungsorganisation »Clean Clothes« in Auftrag gegeben. Die Folgen der Entwicklung treten in der Studie klar zutage: skandalöse Stundenlöhne, exzessive Arbeitszeiten, elende Arbeiterunterkünfte und Tagelöhnerei. Sogar Fälle von Kinderarbeit wurden aufgedeckt.

Prato – das Zentrum der europäischen Textilindustrie

Ursprung dieser sozialen Verwilderung ist Prato, eine hübsche Stadt in der Toskana, die auf über 500 Jahren Tradition in der Herstellung von Textilien zurückblicken kann. Prato ist ein Zentrum der europäischen Textilindustrie. 300 Millionen laufende Meter Tuch, 110 Millionen Meter technische Textilien erwirtschaften mehrere Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Die 250.000-Einwohner-Stadt ist zudem führend in der Entwicklung neuer Textiltechnologien. Prato wird gerne von offizieller Seite als ebenso traditionsbewusst wie innovativ und qualitätsorientiert vorgeführt.
Doch das wahre textile Herz Pratos hat damit nichts zu tun. Es erstreckt sich links und rechts der schmucklosen Via Pistoiese im Stadtteil Macrolotto Zero. Pro Jahr werden dort zwölf Millionen Kleidungsstücke in Vans und Lastwagen gestopft. Die Via Pistoiese ist das Epizentrum der Pronta Moda, der »schnellen Mode«.  Was in Mailand an Pret-à-Porter gezeigt wird, wird hier marktreif produziert. Abnehmer der Waren sind namenlose Zwischenhändler. Als deren Kunden werden etwa H&M, Zara und Primark genannt. Sie alle verdienen hervorragend am Output der extrem produktiven Fabriken in Macrolotto Zero. Wer diesen Output erarbeitet, findet man schnell heraus. Prato hat nach Paris das größte Chinatown Europa: 50.000 Chinesen – und fast alle arbeiten in der Textilindustrie.

Billigmode zu Dumpinglöhnen – Made by Chinesen in Italy

Macrolotto Zero ist eine Gelddruckmaschine. Und viele profitieren von ihr: die italienischen Fabrikbesitzer, die chinesischen Fabrikbetreiber, die Grossisten, die Kleinhändler und jene großen Ketten, die mit angeblich original italienischem Chic das Gewissen des Konsumenten beim Extrembilligshopping eliminieren. Die Chinesen nutzen die notorischen Schwächen des italienischen Staates aus, um den Marktwert des »Made in Italy« für sich zu nutzen. Wenn sie den massenhaft pleite gegangenen italienischen Fabriken neues Leben einhauchen, können die Chinesen hoffen, ungestört gegen die Steuer- und Sozialabgabenordnung sowie Arbeitsschutzgesetze zu verstoßen. Arbeitserlaubnisse für die meist illegal eingewanderten Arbeiter aus China sind leicht zu besorgen. Und sollte die Steuerpolizei doch mal anmarschieren, wird die Fabrik meist rechtzeitig dicht gemacht – um sie alsbald unter anderem Namen neu zu eröffnen. Für die Arbeiter ändert sich wenig. Sie verdienen ein bis drei Euro pro Tag – wenn sie ihre Schulden an die Schleuser abgestottert haben – und leben dort, wo sie im Akkord nähen oder Modeaccessoires herstellen. Die hygienischen Bedingungen in den primitiven Unterkünften der Fabriken sind miserabel. Behördliche Kontrolle: nahe null. Das hatte bereits tödliche Folgen. 2013 forderte ein Brand in einer Fabrik Pratos sieben Tote. Die Notausgänge waren verbaut gewesen. »Der Erfolg der Chinesen hat zwei Gründe. Der eine ist Geschwindigkeit. Bis man in China die neueste Mailand-Mode kopiert und als Billig-Klamotte auf dem Markt Europa hat, dauert es zwei Monate. In Prato schafft man das in zwei Wochen, inklusive ,Made in Italy’», weiß die Prato-Insiderin Silvia Pieraccini. »Außerdem ist die gesamte Produktionskette perfektioniert. Sie importieren billige chinesische Textilien, färben und bedrucken sie. Knöpfe, Reißverschlüsse und Perlen werden hier gemacht. Dann geht alles an die europäischen Abnehmer.«

Luxusmarken wie Louis Vuitton, Prada & Co. zahlen skandalöse Armutslöhne  

Die Profitrezeptur der chinesischen Fabrikbetreiber hat sich bis in die Chefetagen von Luxusmarken herumgesprochen. Inzwischen beliefern die Fabriken Pratos Armani, Ferré, Valentino oder Max Mara. Und auch wenn auf die Einhaltung von Steuergesetzen und Arbeitsschutzstandards gepocht wird, profitieren Versace und Co. gerne von der Arbeitsbelastung und den Stundenlöhnen in den chinesischen Fabriken. Doch die Etablierung dieser chinesischen Produktionsinsel hat noch ganz andere Folgen. Die Initiative »Clean Clothes« wies in einer Studie nach, dass Louis Vuitton, Armani, Prada und Dior alte Produktionsstätten in Norditalien zurückgekauft und wiedereröffnet haben, um dort Immigranten und italienische Arbeiter ebenfalls für Armutslöhne mitunter 14 Stunden täglich schuften lassen. Subunternehmertum und Heimarbeit tragen zu Lohnerosion und Arbeitszeit-Exzessen bei – und auch staatlicherseits gelockerte Sozial- und Lohnstandards.
Kein Zweifel: Angesichts der Wirtschaftsmisere in Südeuropa scheint dem italo-chinesischen »System Prato« die Zukunft zu gehören. Wie sagte ein Betroffener den Forschern von Clean Clothes? »Die großen Namen sind unser Tod. Nicht die Chinesen.«

Lust auf Fair Fashion? Wir hätten da ein paar schöne Vorschläge!

2 Comments

  • Doris Greinwald sagt:

    Braucht denn Giorgio & Co. noch eine Privatinsel oder eine Yacht wo sie ihren Reichtum frönen können? Kann man vor diesem Desaster wirklich die Augen verschließen? Zeigt euch verantwortlich für diese „eine Welt“

  • Carmen Maria sagt:

    Es ist nun mal sehr einfach, die Augen zu verschließen. Aber jede einzelne von uns kann ihren Teil dazu beitragen, die Augen unserer Mitmenschen ein stückweit zu öffnen. Gemeinsam, Schritt für Schritt 🙂

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