Bibi Russell: Kleidung hat eine Seele

Fair Fashion von Bibi Russell: Kleidung hat eine Seele

Peppermynta im Interview mit Bibi Russell

Ich hatte das große Glück und die Ehre, die mehrfach von der UNESCO ausgezeichnete Modepionierin Bibi Russell, zwischen einem Trip nach Indien (zur Rajasthan Heritage Week) und einer Ausstellung persönlich sprechen zu können. Skype sei Dank. Nach anfänglichen technischen Problemen steht die Verbindung und auf meinem Display erscheint eine charismatische Person, die von der ersten Sekunde an eine enorme Stärke, gepaart mit Herzlichkeit und Ruhe, ausstrahlt. Die Haare streng nach hinten gebunden, ein lustiges, rotgoldenes Brillengestell auf der Nase, etwa ein Dutzend Silberringe an den Fingern, ein freundliches, unvoreingenommenes Lächeln auf den Lippen und ein »Tatendrangleuchten« in den Augen. Wenn eines im Laufe des etwa halbstündigen Gespräches deutlich wird, dann, dass die über Sechzigjährige noch lange nicht im Rentenalter angekommen ist, sondern dass sie mit überdurchschnittlich viel Power und Willensstärke ausgestattet ist. Die Frau hat sich mit Leib und Seele einer Mission verschrieben. Nämlich der, die wirtschaftliche Entwicklung der Textilindustrie in ihrem Heimatland Bangladesch und in den so genannten Entwicklungsländern zu fördern – mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln.

Guten Morgen, Bibi. Ich freue mich sehr, dass du dir Zeit für ein Gespräch mit PEPPERMYNTA genommen hast.
Es ist mir ein Vergnügen. Ich hoffe, jetzt klappt es auch mit der Verbindung.

Ja, jetzt scheint es zu funktionieren. Dann lege ich mal direkt los … Was war die Initialzündung für dich, nach über 20 Jahren »abroad« zurück in dein Heimatland Bangladesch zu gehen?
Diesen Plan habe ich schon eine ganze Weile zuvor gefasst. 1994 hatte ich dann schließlich den Mut, diesen Schritt auch wirklich in die Tat umzusetzen.

Ich kann mir vorstellen, dass der Ortswechsel nicht ganz einfach war.
Da ich in den Jahren zuvor meine Heimat regelmäßig besucht habe, fiel mir der Wechsel gar nicht so schwer, denn ich wusste ja um die anderen Lebensumstände und die Schwierigkeiten, die mich dort erwarten würden. Trotzdem bin ich sehr gerne zurückgekommen. Vor allem, weil ich etwas für die Dorfbewohner dort tun wollte.

Was dir augenscheinlich gut gelungen ist …
Ich wollte den Dorfbewohnern zu einem nachhaltigen und geregelten Einkommen und vor allem zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen, um ihnen auf die Weise ihre Menschlichkeit und Würde zurückgeben zu können.

Wie würdest du deine Mission mit wenigen Sätzen beschreiben?
Ich versuche, eine Brücke zu schlagen zwischen guter alter Handwerkskunst, traditionellen Herstellungsverfahren und modernen Businessstrukturen. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil. In erster Linie geht es mir darum, Wirtschaftlichkeit zu kreieren und Businessstrukturen zu schaffen, die zu langfristigen, geregelten Einkommen führen. So dass ein Vater weiß, dass er seine Familie nicht nur am nächsten Tag ernähren kann, sondern auch in der Woche darauf und in dem Monat darauf und so weiter. Denn erst dann ist ein würdevolles Leben überhaupt erst möglich. Dabei geht es viel weniger um große Geldsummen, als um Sicherheit und Beständigkeit.

Wie müsste der Bekleidungsmarkt für nachhaltige Mode idealerweise gestaltet sein?
Nachhaltige gefertigte Mode sollte auf das mittlere Marktsegment zugeschnitten sein. Sie sollte weder ein Vermögen kosten, noch zu Dumpingpreisen auf den Markt geschleudert werden.

Apropos Dumpingpreise: Seit dem Gebäudeeinsturz der Textilfabrik Rana Plaza, bei dem im April 2013 1.127 Menschen ums Leben kamen und weit über 2.000 Menschen schwer verletzt wurden, ist Dhaka in aller Munde …
Leider musste erst solch ein schreckliches Unglück geschehen (mit dem übrigens ich niemals gerechnet hätte), um die Welt auf die Missstände in der Bekleidungsindustrie hierzulande aufmerksam zu machen. Langsam, Schritt für Schritt verändern sich ein paar Dinge zum Positiven. Aber seitdem ist der Verweis »Made in Bangladesch” extrem negativ besetzt. Doch mit einem Boykott wäre den Menschen dort nicht geholfen. Im Gegenteil, ein Boykott würde Zigtausenden, die von der Bekleidungsindustrie leben, erst Recht in den Ruin treiben.

Wäre es nicht fantastisch, wenn es irgendwann selbstverständlich wäre, wenn auf den Etiketten stünde »Handmade in Bangladesch«?
Oh ja, das wäre traumhaft! Leider sind die großen Konzerne bisher noch nicht auf die Idee gekommen, sich mit uns zusammenzutun. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Let’s keep the fingers crossed! Wer oder was spornt dich am meisten an und bestätigt dich in deinem Tun?
Der größte Ansporn für mich sind die Menschen selbst. Die Farmer, Näherinnen und Weber. Zu sehen, wie sie an Selbstbewusstsein, Selbstbestimmtheit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit gewinnen, macht mich stolz und glücklich. Das klingt vielleicht kitschig, ist deshalb aber nicht weniger wahr: Die Dankbarkeit der Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, deren Lächeln, der gegenseitige Respekt, die Liebe und Zuneigung bescheren mir die allermeisten Glücksgefühle. Das allein ist für mich Erfolg und Grund genug, mit meiner Arbeit so lange weiterzumachen, bis ich eines Tages tot umfalle.

Was hoffentlich so schnell nicht passieren wird. Dank deiner Pionierarbeit in Sachen nachhaltig und lokal gefertigter Mode, deinem Knowhow sowie deinem unermüdlichen Einsatz, bist du seit Jahren eine gefragte Person, die weltweit zu Vorträgen und Messen eingeladen wird. Morgen reist du nach Indien zur Rajasthan Heritage Week und du bist unter anderem auch Jurymitglied der Abury Design Experience, die 2014 von der Berlinerin Andrea Kolb ins Leben gerufen wurde. Abgesehen von Indien und Bangladesch, in welchen Ländern bist du noch aktiv?
Oh, in sehr vielen Ländern. Unter anderem in Sri Lanka, West Afrika (vor allem Senegal und Mali), Kolumbien, Kambodscha und Usbekistan. Es gibt noch so viel zu tun. Ich möchte der Textilbranche in diesen Ländern gerne zu wirtschaftlicher Freiheit verhelfen. Zum Glück vereine ich eine ziemlich gute Mischung an unterschiedlichen Kenntnissen. Mir sind sowohl das europäische Modebusiness als auch der südostasiatische Markt vertraut. Ich kenne die Mentalitäten dieser sehr unterschiedlichen Kontinente, ich spreche deren Sprachen und kenne mich mit den unterschiedlichsten Stoffen und Verfahrenstechniken, mit modernsten sowie mit traditionellen Webtechniken aus.

Gibt es in deinem Leben überhaupt so etwas wie »Freizeit«?
Seit 20 Jahren habe ich mir nicht einen einzigen Tag frei genommen. Ich denke über nichts anderes nach. Jeden Cent, den ich verdiene, stecke ich in Bibi Productions. Ich kann Tage lang ohne Essen auskommen aber keine fünf Minuten ohne Kleidung. Ich liebe Textilien. Die Bekleidung, die wir produzieren hat eine Seele, sie ist von bester Qualität, extrem langlebig und jedes Stück erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Das klingt nach einem sehr ausgefüllten und zufriedenen Leben.
Oh ja, ich arbeite zwar oft bis zu 20 Stunden am Tag. Wenn ich nachts ins Bett falle, ist das Allerletzte, was ich brauche, eine Schlaftablette. Ich freue mich auf jeden neuen Tag und die neuen Herausforderungen, die er mit sich bringt. Für Depressionen bleibt mir zum Glück keine Zeit. lacht

Das glaube ich aufs Wort! Vielen Dank für das schöne Gespräch.

 

Hier erfahrt ihr noch mehr über das ehemalige Supermodel Bibi Russell sowie über ihre Produkte.

Fotos: PR, Shutterstock