PEP THINKS – Wie viel Freiheit verträgt die Meinung?

Nachhaltigkeit, Umweltschutz und ökologie: Pep thinks – Wie viel Freiheit verträgt die Meinung?

Wer öffentlich für polarisierende Themen einsteht, beispielsweise für Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Menschenrechte, der sollte sich lieber warm anziehen, denn ein Shitstorm ist eigentlich schon so gut wie vorprogrammiert.

In der norddeutschen Gemeinde Oelsdorf wird ein Bürgermeister, der sich öffentlich dafür ausspricht, Flüchtlinge in seiner Gemeinde unterzubringen, mit Morddrohungen eingeschüchtert und schließlich hinterrücks von einem Unbekannten mit einem Knüppel attackiert. In Dresden werden Brandanschläge auf das Kongresszentrum und auf eine Moschee verübt. Nach Hassbriefen und Morddrohungen lässt sich die Islam-Lehrerin Lamya Kaddor von der Düsseldorfer Schulbehörde für den Rest des Schuljahres vom Schuldienst beurlauben. In ganz Deutschland brennen Flüchtlingsunterkünfte lichterloh. Und mittendrin fassungslose, schockierte, wütende, zutiefst verletzte Menschen und immer wieder auch entfesselte, jubelnde Menschen, die denen applaudieren, die sich trauen, ihrer »Meinung endlich mal Luft zu machen«. Meinungsfreiheit wird neuerdings ja in VERSALIEN geschrieben. Und zwar so groß, dass einige Menschen sich dazu berufen fühlen, ihr, also der Meinungsfreiheit, ein fettes Podest zu errichten, sie darauf thronen zu lassen und ihr einen größeren Stellenwert beizumessen, als der guten alten Nächstenliebe oder der körperlichen und seelischen Unversehrtheit ihrer Mitmenschen.

Was auf gesellschaftspolitischer Ebene passiert, geschieht auch im Kleinen

Was im Großen, also auf gesellschaftspolitischer Ebene passiert, geschieht jedoch auch im Kleinen. Und zwar vornehmlich in den »Sozialen« Medien und in denen in Echtzeit die großen und kleinen Ereignisse der Weltgeschichte besprochen, kommentiert und bewertet werden – vom Brexit bis zum »Braxit« (der Scheidung von Angelina Jolie und Brad Pitt, besser bekannt als »Brangelina«). Aus dem geschützten Raum der Anonymität heraus – mit Laptop auf dem Schoß und Teetasse vor der Nase – werden vorschnelle und gnadenlose Urteile gefällt. Obwohl, inzwischen wird oft noch nicht mal mehr der Deckmantel der Anonymität übergeworfen, stattdessen werden die Verurteilungen, Beschimpfungen und Besserwissereien mit Klarnamen in die Welt, beziehungsweise ins Netz hinausposaunt. Scham? Fehlanzeige. Warum auch? Der Angreifer fühlt sich schließlich voll und ganz im Recht, wenn er über Prominente, Politiker, Pop Stars, Schulfreunde, Journalisten oder Blogger herzieht. Der andere soll sich was schämen. Erst recht wenn dieser andere beispielsweise so tollkühn ist, sich den Themen Nachhaltigkeit/Umweltschutz/Tierschutz/Menschenrechte/gesunde Ernährung/you name it… zuzuwenden. Dann ist das Shitstürmchen eigentlich schon so gut wie vorprogrammiert.

Die allwissende Online Enzyklopädie Wikipedia definiert einen Shitstorm (ein Begriff zu dem Google immerhin satte 3.270.000 Einträge ausspuckt) übrigens folgendermaßen:
Shitstorm bezeichnet im Deutschen das lawinenartige Auftreten negativer Kritik gegen eine Person oder ein Unternehmen im Rahmen von sozialen Netzwerken, Blogs oder Kommentarfunktionen von Internetseiten bis hin zur Schmähkritik. […] Dabei richtet sich »in kurzem Zeitraum eine subjektiv große Anzahl von kritischen Äußerungen […], von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und [die] stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt [werden]« gegen Unternehmen, Institutionen, Einzelpersonen oder in der Öffentlichkeit aktive Personengruppen, etwa Parteien oder Verbände. 

Einer, der sich mit diesen Kritiklawinen bestens auskennt, ist der britische Journalist und Autor Jon Ronson. In seinem soeben erschienen Buch »In Shitgewittern – Wie wir uns das Leben zur Hölle machen« beschreibt Ronson höchst aufschlussreich das Phänomen öffentlicher Demütigungen im Netz. Er entlarvt darin die völlig absurden Mechanismen dieser digitalen Demütigungen und zeigt auf, wie man in Sekundenschnelle mit einem harmlosen Scherz oder einer ironischen Übertreibung die Wut der Internetgemeinde auf sich zieht und öffentlich »hingerichtet« wird.

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Wer bei anderen einen Fehler finden möchte, wird immer fündig werden. Die Frage ist bloß, wem ist damit eigentlich geholfen?

Egal ob Tornado, Sturm oder Stürmchen – Fakt ist, sobald man anfängt, öffentlich für ein besseres Leben einzustehen und über nachhaltige Lebensweisen zu schreiben, zeigen sich erste dunkle Wolken am Horizont, beziehungsweise stehen die ersten Kritiker in den Startlöchern, bereit ihre verbalen Giftpfeile auf alles und jeden loszulassen, der sich angreifbar macht. Und ja, Personen, die öffentlich ihre Meinung kundtun, machen sich angreif- und damit verwundbar (so wie ich in diesem Moment). Und natürlich wird es immer Fehler geben, die andere aufspüren und einem aufs Brot schmieren können. »Die schreibt über nachhaltige Lebensweisen und fliegt mit dem Flugzeug nach Spanien, haha, wie unglaubwürdig ist die denn?« Solche »Fehltritte« aufzuspüren, da gehört nicht viel zu. Denn kein Mensch ist frei von Fehlern. Wer bei anderen einen Fehler finden möchte, wird immer fündig werden. Die Frage ist bloß, wem ist damit eigentlich geholfen? Vor allem, wenn man selbst keinerlei Alternativen, geschwiege denn Lösungen aufzeigen kann. Der Mensch, der zumindest versucht hat, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen, wird jedenfalls nicht gerade darin ermutigt, diesen Weg weiterhin zu beschreiten, wenn ihm von Vornherein Steine in den Weg gelegt werden.

Maddie vom erfolgreichen österreichischen Eco Blog dariadaria kann ein Lied von vollkommen unsachlichen Verurteilungen und persönlichen Anfeindungen singen. (Und auch von dem anderen Extrem – nämlich von ebenso ungerechtfertigten Überhöhungen und Glorifizierungen der eigenen Person). Als die studierte Politikwissenschaftlerin und Ethnologin vor sechs Jahren anfing, auf ihrem Blog Beiträge und Outfit-Posts über H&M, Zara, Mango & Co zu veröffentlichen, gab es niemals gehässige, kosumkritische Kommentare. Kein Mensch regte sich etwa über die von ihr vorgestellten Textilien auf, die unter fragwürdigen Bedingungen in Billiglohnländern entstehen. Die Kritiker traten absurderweise erst dann auf den Plan, als Maddie anfing, für polarisierende Themen einzustehen und über Fair Fashion Brands zu schreiben. Inzwischen erklären ihr beinahe täglich Menschen, sie sei verlogen. Oder geldgierig. Oder aber ein verwöhntes Töchterchen. Oder alles auf einmal. Solche Anfeindungen sind auf Dauer natürlich extrem frustrierend und rauben Energie. Energie, die eigentlich in eine gute, inspirierende Geschichte investiert werden könnte.

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Angst vor humorbefreiten Kommentaren? Humor befreit

Entweder man verzweifelt an solchen Verbalattacken oder aber man begegnet ihnen mit Ironie. Bestes Beispiel für letztere Maßnahme sind die wirklich komischen Hate Poetry-Veranstaltungen. Dabei handelt es sich um eine »antirassistische Leseshow«, die vor einigen Jahren von der freien taz-Autorin Ebru Tasdemir ins Leben gerufen wurde und bei der Hass-Leserbriefe und -Emails in Poetry Slam-Manier von Journalisten mit nichtdeutschen Wurzeln vorgetragen werden. Die Beschimpften treten gegeneinander an und wer am meisten gehatet wird, hat gewonnen. Die Veranstaltungen dienen den von abgrundtiefen Hass heimgesuchten Journalisten als Ventil, nach dem Motto: Geteilter Hass ist doppelter Spaß. Diese bewusste Kontextverschiebung sorgt dafür, dass die bitterbösen Briefe plötzlich lächerlich bis erbärmlich anmuten. Inzwischen ist auch die Redaktion des politischen Satiremagazins Extra3 auf den Geschmack der rückwärtsgewandten Verbalattacke gekommen und lässt die beiden Komiker Olli Schulz und Oliver Kalkhofe humorbefreite und hasserfüllte Leserbriefe vortragen.

Was außer Humor noch helfen könnte? Toleranz, Akzeptanz und einem Diskurs auf Augenhöhe. Ein konstruktiver Austausch von Gedanken, politischen Ansichten, Standpunkten, Zweifeln, Sorgen und Ängsten – statt gehässiger Kommentare.

Warum ich das alles hier schreibe? Weil wir bei PEPPERMYNTA bereits einen klitzekleinen Vorgeschmack auf das bekommen haben, was sich früher oder später am Shithorizont zusammenbrauen könnte. Dieser Artikel ist quasi eine Shitstorm-Vorsorge. Sollte es mal stürmisch werden, können wir auf ihn verweisen. Selbstverständlich »Mit freundlichen Grüßen«. Alles andere wäre unverschämt.

 

Fotos: Shutterstock

Und hier geht’s zu unserem Artikel Nachhaltig zu leben ist gar nicht so schwer.