Flohmarkt & Vintage: Nachhaltig einkaufen

Unsere Vintage-Queen Lesley erklärt im Folgenden, warum Flohmärkte seit jeher eine magische Anziehungskraft auf sie ausüben. Eigentlich kein Wunder: Flohmarkt-Shopping ist nachhaltig, günstig & unique. Aber wie bei jedem Faible gibt es natürlich auch eine Ursache und die liegt tief verwurzelt in ihrer Kindheit…

Aufgewachsen bin ich, gemeinsam mit meinen Eltern und zwei Brüdern in einem alten, stillgelegten Bahnhof im Sauerland. In einem Haus, in dem nichts so war, wie es in »gewöhnlichen« Häusern oder Wohnungen meiner Schulfreunde der Fall war. Bei uns gab es unverputzten Backstein statt Raufasertapete, ochsenblutrote Holzdielen statt flauschige Teppichböden. Ein altes Ölfass anstelle eines Küchentischs, wuchtige Bauernschränke statt schlanker Billyregale. Und in unserem Kinderzimmer stand eine abgerockte Werkbank anstelle eines Schreibtisches. Statt mit einer Zentralheizung heizten wir damals mit Holz und Kohle. Wenn man das heute liest, klingt das beinahe schon verwegen romantisch und eventuell hat man sogar Bilder von Wohnzeitschriften-Wohnungen vor Augen. Aber das, was in Zeiten von Shabby Chic und Heritage als cool und authentisch gilt, war damals – und vor allem aus Kindersicht – einfach nur anders und damit ziemlich uncool. Und so gab es eine Phase (die von etwa 11 bis 14 andauerte), in der ich mich vor Schulfreunden für unseren Holzdielenboden und das Ölfass in der Küche schämte.

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Meine Brüder und ich begleiteten meine Eltern an den Wochenenden von klein an auf Flohmärkte

Zum Glück jedoch hielt die Phase des Fremdschämens nicht allzu lange an und viele meiner Freunde waren eigentlich eher positiv überrascht von den vielen alten, provisorischen und bunt zusammengewürfelten Möbeln und Gegenständen in unserem Haus, von denen ein Großteil von Antik- und Flohmärkten oder auch schlicht und ergreifend von der Straße stammte. Und auch die vielen Utensilien, die mein Vater, ein freischaffender Künstler, für seine abenteuerlichen, aus Alltagsgegenständen zusammengesetzten Kunstobjekte benötigte, stammten größtenteils von Flohmärkten. Und so kam es, dass meine Brüder und ich meine Eltern an den Wochenenden von klein an auf Flohmärkte begleiteten und diese sowohl aus Händler- als auch aus Käufersicht kennenlernten.

Ich lernte also schon früh, dass vermeintlicher Müll durchaus seinen Wert hat, wenn man ihn in einen anderen Kontext stellt

Ich erinnere mich noch ganz genau an einen Flohmarkt, auf dem ich mich als Neunjährige von einigen meiner Spielzeuge trennte und meine kompletten Einnahmen am Ende des Tages in einen handgefertigten türkisfarbenen, mit peruanischen Stoffpüppchen bestickten Rucksack zu investierte. Von meinem älteren Bruder erntete ich dafür bloß ein unverständliches, leicht verächtliches Kopfschütteln. Aber das störte mich nicht weiter, denn ich hatte ja meinen Schatz, den Rucksack. Ein echtes Unikat, in das ich monatelang ganz verliebt war.
Zu einer anderen Kindheitserinnerung gehört, dass mein Zwillingsbruder und ich während unserer gemeinsamen Spazierstreifzüge durch die Sauerländer Wälder immer alle möglichen Fundstücke sammelten. Das konnten alte Tiergeweihe sein, Nummernschilder, die wir im Straßengraben gefunden hatten, Murmeln oder verblichene, mit Moos bewachsene Porzellanscherben. Stolz präsentierten wir unsere Mitbringsel meinen Vater, der ein Teil unserer Funde in seine Kunstwerke integrierte. Auf die Weise lernte ich also schon früh, dass vermeintlicher Müll durchaus seinen Wert hat, wenn man ihn in einen anderen Kontext stellt.

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Schätzungsweise 80 Prozent meiner Wohnungseinrichtung und meiner Garderobe stammen von Flohmärkten

Diese Lust, Schätze zu entdecken ist bis heute ungebrochen und so stammen schätzungsweise 80 Prozent meiner Wohnungseinrichtung und meiner Garderobe von Flohmärkten, beziehungsweise aus Vintage Stores. Was mich so sehr an alten Gegenständen und Textilien fasziniert? Erstens: Die Haptik der Stoffe (leider gibt es heute nur noch sehr wenige Hersteller, die wirklich hochwertige und langlebige, aufwendig gewebte Stoffe oder besondere Textilien wie Seersucker Krepp-Gewebe produzieren. Zweitens: Die Patina, die getragener Kleidung, (vor allem Leder!), einen besonderen Charme verleiht. Gerade die Spuren der Vergangenheit sind es, die Kleidung und Einrichtungsgegenständen eine Seele verleihen und sie zu etwas Besonderem machen. Hinzu kommt der Umstand, dass es sich um ein Unikat oder zumindest ein seltenes Exemplar handelt und nicht um ein unter zweifelhaften Umständen produziertes Kleidungsstück, von dem 270.000 weitere Exemplare in den Fast Fashion Filialen dieser Welt hängen. Und last but not least überzeugt mich die Tatsache, dass bereits getragene und zigfach gewaschene Kleidung nicht nur nachhaltig ist, sondern auch extrem hautverträglich, da sämtliche Giftstoffe (herkömmliche Kleidung ist in der Regel voller Chemikalien) bereits rausgewaschen wurden. Die perfekte Kleidung für Allergiker, Kinder und Babys. Aus diesem Grund bekommen meine beiden Patentöchter auch mit Vorliebe Flohmarkt-Fundstücke von mir geschenkt – handgestrickte Wollpullover oder alte Holzspielzeuge, die später garantiert ein weiteres Mal vererbt werden, da sie dank ihrer hohen Qualität mit den Jahren nicht an Schönheit einbüßen. Im Gegenteil.

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Im Grunde genommen bin ich das genaue Gegenteil von Fenja und ihrer Capsule Wardrobe

Im Grunde genommen bin ich das genaue Gegenteil von Fenja und ihrer Capsule Wardrobe. Ich besitze ganz eindeutig mehr als ein Dutzend Blusen und Kleider und noch viel mehr Schuhe, Jacken und Mäntel. Aber es handelt sich bei allen um liebenswerte Unikate und Schnäppchen, denen ich einfach nicht widerstehen konnte…
Dass ich mich in unmittelbarer Nähe zum Flohmarkt Flohschanze befinde und beinahe jeden Samstag Vormittag – wie von unsichtbarer Geisterhand geführt – eine Runde mit Pelle dort drehe, macht die Sache natürlich nicht gerade einfacher. Die Versuchung lauert quasi direkt vor der Haustür. Aber da ich in einer ziemlich kleinen, überschaubaren Wohnung lebe, muss ich regelmäßig ausmisten und mich von einigen Schätzen trennen. In meiner Garderobe herrscht dementsprechend eine permanente Fluktuation – Altes muss weichen, um neuem Alten Platz zu machen. Und so tausche oder verkaufe ich gemeinsam mit anderen Vintage-verrückten Freundinnen mehrmals im Jahr braune Lederschuhe, rote Mäntel und gestreifte Hemden auf Hamburgs Flohmärkten – nur um Tage (oder Minuten) später mit einem eisblauen Mantel um die Ecke zu biegen. Dass es sich dabei eben um einen waschechten Schatz handelt, versteht sich von selbst.

Top Five – Meine Lieblings-Flohmärkte in Deutschland & Europa

AMSTERDAM – Noordermarkt

Flohmarkt und Wochenmarkt: Jeden Samstag und jeden Montag findet jeweils von 9 Uhr bis ca. 14 Uhr entlang der Prinzengracht auf dem Platz rund um die Noorderkerk einer der schönsten Flohmärkte von Amsterdam statt – der Noordermarkt. An Montagen teilt sich der Markt in einen Trödel- und Wochenmarkt mit Antiquitäten auf der einen Seite und Blumenhändlern, Käse- Brot- Kräuter- Antipasti- Fisch- und Fleischständen auf der anderen Seite auf. Ob ofenwarme Galettes, frische Austern, hausgemachte Pesto oder frisch gepflückte Steinpilze – wem hier nicht das Wasser im Mund zusammenläuft, ist selbst Schuld. Liebhaber von ausgefallener und hochwertiger Vintage Kleidung kommen Samstags auf ihre Kosten. Straßenmusiker sorgen dafür, dass die ohnehin zauberhafte Atmosphäre noch zauberhafter ist. Tipp: In dem Café Winkel 43, das direkt am Noordermarkt gelegen ist, gibt es Amsterdams besten Appeltaart – anstehen lohnt sich.

HAMBURG – Flohschanze
Jeden Samstag findet in Hamburg, genau in der Mitte zwischen dem hippen Schanzenviertel und dem alternativen Karoviertel rund um die Alte Rinderschlachthalle der Flohmarkt Flohschanze statt. Von 8 bis 16 Uhr werden hier ganzjährig bei Wind und Wetter (die Hamburger sind hart im Nehmen) sowohl Waren von professionellen als auch von zahlreichen Privathändlern (wie mir) angeboten. Ein Abstecher lohnt sich, denn wer suchet, findet hier immer wieder feine Schnäppchen – vom Perserteppich, bis zu Bernstein-Ohrringen oder Schreibtischstuhl. Und wer eine kleine Stärkung braucht, lässt sich einfach im oder vorm Pförtnerhäuschen nieder. Einem winzigen Backsteinhäuschen, in dem ofenwarme Bagels, hausgemachter Kuchen und leckerer Kaffee serviert wird. Bei schönem Wetter kann man hier wunderbar draußen sitzen und das Treiben beobachten.

LISSABON – Feira da Ladra
Im Herzen der Altstadt Alfama findet jeden Dienstag und Samstag der wohl schönste und größte Flohmarkt der Stadt statt, und zwar direkt neben der anmutigen Santa Engrácia-Kirche (auch Nationales Pantheon genannt). Feira da Ladra bedeutet übersetzt übrigens Flohmarkt der Diebin – der Name ist aber zum Glück nicht Programm. Auf dem Trödelmarkt kann man neben Büchern, Wohnaccessoires, Vintage-Kleidung und allerlei kuriosen Antiquitäten auch lokale Leckereien erbeuten. Die lassen sich am besten vor der kleinen Markthalle draußen bei Sonnenschein genießen, dort kann man wunderbar das wuselige Treiben beobachten, nebenbei den Straßenmusikern lauschen und das Gefühl genießen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Zwischen 10 und 17 Uhr.

BERLIN – Rathaus Schöneberg
Klar, über den berühmt-berüchtigten Mauerpark-Flohmarkt am Prenzlauer Berg hat so ziemlich jeder Berlin-Flaneur schon mal seine Runden gedreht. Wer es jedoch ein wenig unaufgeregter und weniger touristisch mag (obwohl er aller Wahrscheinlichkeit selber ein Tourist ist, sich selbst aber nicht als einen solchen betrachtet), sollte es mal mit dem Flohmarkt am Rathaus in Schöneberg versuchen. Hier wird jeden Samstag und Sonntag von jeweils 8 bis 16 Uhr noch richtig getrödelt – das heißt, hier stehen hauptsächlich private Händler, bei denen sich wahre Schnäppchen reißen lassen.
Ein weiterer kleiner, feiner Flohmarkt findet jeden Samstag und Sonntag am Ende der berühmten Kreuzberger Bergmannstaße, direkt neben der Markthalle Neun (die übrigens auch einen Besuch wert ist) statt.

PARIS – Marché aux Puces de St. Ouen
Der berühmte Pariser Flohmarkt Marché aux Puces de St. Ouen liegt nur wenige Gehminuten von der Metro Station Porte de Clignancourt (Metro Nr. 4) entfernt. Achtung: Nicht abschrecken lassen von den ziemlich ramschigen Verkaufsständen, die am Wegesrand liegen – die eigentliche Flohmarkt-Perle befindet sich wenige Hundert Meter entfernt in der St. Ouen-Straße. Wer das Eingangstor passiert hat, fühlt sich augenblicklich in Die fabelhafte Welt der Amélie versetzt: Edith Piaf dringt aus den Verkaufshäuschen, Männer mit Baskenmützen sitzen an kleinen Tischchen, rauchen und spielen Schach und überall warten zauberhafte Antiquitäten und Kunstobjekte, die jeden Filmset-Ausstatter in euphorische Kaufrausch-Stimmung versetzen dürften, auf einen neuen Besitzer. Der weltgrößte (!) Flohmarkt findet jeden Samstag von 9 bis 18 Uhr, sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie montags von 11 bis 17 Uhr statt.

Fotos: Katharina Oppertshäuser

Und hier geht’s zu weiteren Artikeln aus unserer PEP Thinks-Reihe.