Greenpeace Interview – Alles Greenwashing, oder was?

Fair Fashion, Detox my Fashion: Greenpeace Interview – Alles Greenwashing, oder was? – Alexandra Perschau

Alexandra Perschau ist Textil-Expertin bei Greenpeace. Wir haben der Campaignerin der Detox My Fashion Kampagne ein paar Fragen zum Thema Greenwashing gestellt – in der Hoffnung, dass sie ein wenig Licht in den grünen Dschungel bringt.

Viele Konsumenten sind inzwischen verunsichert und wissen nicht, welchen Unternehmen und nachhaltigen Initiativen sie überhaupt trauen können. Welchen Ratschlag kannst du geben?
Die Verunsicherung kann ich nachvollziehen. Ständig gibt es neue Initiativen und Standards, und das nächste, angeblich noch nachhaltigere Material wird angepriesen. Wer nicht die Zeit hat, sich ständig zu informieren und sich selbst eine Meinung zu bilden, fühlt sich schnell überfordert und ändert erstmal gar nichts.
Genau das sollte aber nicht passieren. Ich glaube, jeder kann seien Umgang mit Kleidung am einfachsten in kleinen Schritten verändern, man sollte nicht gleich perfekt sein wollen und sich selbst auf die Reise begeben. Ich halte es für unrealistisch, immer nur nach einem bestimmten Standard-Label Ausschau zu halten. Aber meine liebsten Modemarken kann ich auf Herz und Nieren prüfen: Haben sie eine Detox-Verpflichtung? Setzen sie nachhaltige Materialien ein? Haben sie sich der Fair Wear Foundation angeschlossen? Webseiten wie Rank a Brand, aber auch Blogs wie Peppermynta oder Fairknallt, die sich spezielle mit öko-fairer Mode auseinandersetzen, können weiterhelfen.
Einfacher als das Anhäufen von Fachwissen ist es oft aber, sich in andere Formen des Konsums zu üben. Kann ich nicht auch mal Secondhand kaufen, einen Flohmarkt oder eine Kleidertauschparty besuchen? Greenpeace hat hier mit der Webseite ‚New to Me‘ eine Plattform geschaffen, in die sich Läden und Events eigenständig eintragen können und wir einladen, eine Karte voller Orte zu generieren, die uns allen einen veränderten Umgang mit Mode leichter machen.

Auf welche Kriterien sollte man beim Kauf von vermeintlich nachhaltiger Mode unbedingt am achten?
Folgende Fragen helfen bei der eigenen Kaufentscheidung:

  • An erster Stelle sollte man sich die Frage stellen: »Brauche ich das wirklich?«. Wir wissen durch verschiedene Umfragen, dass fast jeder von uns nagelneue, noch nie getragene Kleidung im Schrank hat. Warum also nicht vor dem Shoppen erstmal die eigene Garderobe erkunden und längst vergessene Schätze bergen?
  • Finde ich im eigenen Schrank tatsächlich kein passendes Outfit, kann ich überlegen: »Muss es etwas Neues sein?« Für die Umwelt tun wir am meisten, wenn wir Kleidung tragen, die bereits da ist. Vielleicht kann ich mit Freundinnen tauschen, oder ich leihe mir etwas, zum Beispiel bei der Kleiderei. Es gibt tolle Secondhand und Vintage-Läden, private oder professionelle Kleidertauschparties, wo ich ein neues Outfit finden kann.
  • Wenn ich dann zum Schluss komme, ich brauche tatsächlich etwas Neues, dann sollte man besonderes Augenmerk auf die Langlebigkeit Dabei geht es sowohl um die physische als auch emotionale Qualität – sprich, hat das Teil das Potenzial zu einem Lieblingsstück zu werden?
  • Zu guter Letzt kann man darauf achten, ob Kleidung unter öko-faire Bedingungen hergestellt wurde und im besten Fall so designt wurde, dass sie leicht im Kreislauf zu führen ist.

Was hältst du von Initiativen wie beispielsweise der H&M »Bring it«-Kampagne oder von Adidas Sneakern und G-Star Denims, die aus Meeresmüll produziert werden? Ist das wenigstens schon mal ein Schritt in die richtige Richtung oder bloße Image-Politur?
Bloße Image-Politur würde ich es nicht nennen, aber sowohl bei den Rücknahme-Angeboten als auch den Meeresmüll-Produkten muss man sich über eines im Klaren sein: Sie setzen an Stellen an, die die grundsätzlichen Probleme sowohl der Textilindustrie als auch der Meeresverschmutzung nicht lösen werden. Und im schlimmsten Fall tappen wir in die Konsumfalle – weil wir meinen etwas Gutes zu tun.
H&M beispielsweise verteilt Rabatt-Gutscheine für die zurückgebrachte Kleidung. Das finde ich besonders kritisch, denn diese Rabatte animieren dazu das nächste neue Teil zu kaufen, das ich im Zweifel gar nicht brauche. Gerade in Deutschland ist die Altkleidersammlung gut organisiert, es gibt flächendeckend Kleiderkammern, Container oder kostenfreie Einsendemöglichkeiten. In anderen Ländern hingegen ist die Textilrückgabe noch nicht weit verbreitet und unter Konsumenten etabliert, da kann es Sinn machen, solche Rücknahme-Angebote in den Läden zu machen. Grundsätzlich muss man aber beim Design der Kleidung beginnen – denn die ist bisher in der Regel nicht so hergestellt, dass sie im Kreislauf geführt werden kann. Die zurückgebrachten Textilien wandern in die Secondhandmärkte, und aufgrund schlechter Qualität werden sie viel zu schnell zu Müll, der sich höchstens noch zu Industrieputzlappen oder schlechtem Dämmmaterial downcyceln lässt. Ein Faser-zu-Faser Recycling, also das Herstellen von neuer Kleidung aus alter, ist heute nur in sehr geringem Maß möglich.
Beim Thema Meeresmüll ist es wichtig zu wissen, dass nur ein kleiner Teil des Plastikmülls an den Stränden anspült oder an der Oberfläche der Meere schwimmt. Der Löwenanteil sinkt zu Boden und zersetzt sich im Lauf der Zeit zu Mikroplastik. Bilder von Strandsäuberungen oder geborgenen Geisternetzen sind oft schön anzusehen, sie zeigen aber vor allem eines: das Problem Plastik. Die Lösung liegt, wie bei den meisten Konsumthemen, vor allem im „Weniger“. Und das gilt dann eben auch für die Plastik-Sneaker oder G-Star Denims. Zumal beim Laufen und/oder Waschen durch Abrieb zumindest ein kleiner Teil des Produkts in Form von Mikrofasern direkt wieder in die Meere zurückgelangt.

Was müssten Unternehmen deiner Meinung nach tun, um ein wirkliches Umdenken und einen nachhaltigen Richtungswechsel zu bewirken?
Modeunternehmen haben in den letzten Jahren einiges getan, um ihre Lieferketten transparent zu machen, oder die ökologischen und sozialen Bedingungen von Materialen wie Baumwolle zu regeln, das Färben und Drucken zu entgiften oder die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Der nächste Schritt ist nun, Verantwortung für Produkte bis zum Ende ihres Lebens zu übernehmen. Denn das aktuell vorherrschende Tempo, mit dem wir Kleidung kaufen, nutzen und schnell wieder entsorgen, ignoriert die Grenzen des Planeten. Wirklich innovativ sind Unternehmen, die Kunden Dienstleistungen rund um eine möglichst lange Nutzung anbieten, wie beispielsweise Reparatur-Services oder Leihen von Kleidung.

Wo informierst du dich selbst in puncto Klamottenkauf?
Da ich mich ja beruflich ständig mit dem Thema auseinandersetze, kann ich mich sehr oft im persönlichen Gespräch, beispielsweise auf Messen oder Konferenzen, sowohl über Unternehmen als auch Standards informieren. Zudem nutze ich gern Twitter und folge interessanten Initiativen wie Worn Again, Fashion Revolution oder der Ellen MacArthur Foundation. Wichtig ist mir Transparenz und ein ernstgemeinter Wille sich zu verbessern und die Situation für die beteiligten Menschen und die Umwelt zu verbessern.

 

Fotos: Will Rose/Greenpeace, Bente Stachowske/Greenpeace, Sam Fong/Greenpeace

 

Und geht’s zu unserem Greenpeace Interview – Trump und der Klimawandel.