Faire Wolle von Armedangels – eine Reise nach Patagonien

Fair Fashion, Eco Fashion: Faire Wolle von Armedangels – eine Reise nach Patagonien

Nachhaltige und faire Wolle – was bedeutet das eigentlich? Und was ist der Unterschied zu tiergerechter Wolle? Im Oktober hatte ich die Möglichkeit, gemeinsam mit Armedangels nach Patagonien zu reisen und mir vor Ort ein Bild davon zu machen, woher mein Wollpullover kommt und wie ein Wollkleidungsstück überhaupt hergestellt wird. Eine kleine Warnung vorweg: Du hast es hier mit einem – für Online-Verhältnisse – langen Artikel zu tun. Warum es sich lohnt, ihn zu lesen? Weil wir (fast) alle Wolle auf unserer Haut tragen.

Dass dies eine Reise der besonderen Art werden sollte, lag schon aufgrund des Reiseziels auf der Hand: Patagonien, ein magisches Land im südlichsten Teil der Welt, mit spektakulären Landschaften und einer überwältigenden und atemraubend schönen Natur – und tatsächlich: Beinahe von der ersten Minute an, stellte sich nicht nur bei mir, sondern auch bei den anderen mitreisenden Bloggern und Journalisten wie Maddie von Dariadaria und Anastasia Velminski, die unter anderem für Thisisjanewayne schreibt, ein Gefühl der Ergriffenheit ein. Ich denke, Auslöser dafür waren vor allem die gefühlt unendlichen Weiten sowie die gewaltigen Gipfel und Gletscher, die einem bewusst machen, wie erhaben und mächtig die Natur ist und was für eine winzig, unbedeutend kleine Rolle der Mensch darin einnimmt. Ganz automatisch kommen Gefühle wie Demut und tiefe Dankbarkeit auf. Sowie die Überzeugung, dass es enorm wichtig ist, diese Schönheit der Natur als Geschenk zu verstehen und ihr Respekt zu zollen, in dem wir so verantwortungsvoll wie nur möglich mit ihr umgehen. Das perfekte Mindset für alles, was danach folgen sollte…

 

Was hält warm, wenn es draußen kalt ist und was kühlt, wenn es warm wird? Was kann große Mengen Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen? Was ist schmutzabweisend, geruchsneutralisierend, atmungsaktiv und selbstreinigend zugleich? So was gibt’s nicht? Und ob! Die Rede ist von Wolle. Wolle wärmt und schützt die Menschen schon seit Jahrtausenden und verfügt über mehr positive Trageeigenschaften als jedes andere Gewebe. Es handelt sich um ein geniales, hochkomplexes Material, das den perfekten Grundstoff für Textilien liefert und innovativer Outdoor- und Funktionskleidung weit überlegen ist, vor allem in puncto Nachhaltigkeit. Das Naturmaterial Wolle zeigt, dass es auch anders und vor allem ohne giftige Chemie geht.

Love for wool. Respect for sheep.

Aber woher kommt mein Wollpullover eigentlich? Klar, aus dem Geschäft meines Vertrauens. Aber wo und wie wird die Wolle gewonnen und weiter verarbeitet? Und wie leben die Schafe, denen ich die kuschelweiche Wolle zu verdanken habe? Für das Kölner Fair Fashion Label Armedangels war von Anfang an klar: »Wenn wir Wolle verarbeiten, dann nur nachhaltig und tierfreundlich.« Deshalb verwendet das Eco Brand ausschließlich mulesing-und chlorfreie Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT). Mit »Mulesing« bezeichnet man eine gruselige Praktik zum Entfernen der Haut rund um den Schwanz von Schafen, die ohne jedes Schmerzmittel vorgenommen wird und in der Wollindustrie leider weit verbreitet ist. Mulesing – braucht kein Mensch und erst recht kein Schaf, findet Armedangels. Weil das Unternehmen Transparenz groß schreibt und »Nothing to hide« hat, konnte ich mir einen Eindruck aus nächster Nähe verschaffen. Ich hatte die Möglichkeit, mit dem Wolllieferanten vor Ort zu sprechen und dessen Farmen und Produktionsstätte im argentinischen Patagonien zu besichtigen.

 

From Patagonia with love – Nachhaltige & tiergerechte Wolle von Armedangels

Nach langer Suche hat Armedangels mit dem Familienunternehmen Fuhrmann im vergangenen Jahr den perfekten Partner gefunden. Gemeinsam mit dem Fair Fashion Brand leistet der weltweit größte Anbieter von Bio-Wolle wahre Pionierarbeit: Beide Unternehmen teilen dieselben ethischen Grundwerte und legen größten Wert auf den Erhalt von Biodiversität, den konsequenten Verzicht von Chemikalien sowie auf eine tiergerechte Haltung. Gemeinsames Ziel ist die Produktion und Verbreitung von ökologischer und tiergerechter Wolle, die den Kriterien des kürzlich ins Leben gerufenen Responsible Wool Standard (RWS), entspricht. Vision ist es, die Standards in der gesamten Lieferkette kontinuierlich zu verbessern und in der Wollindustrie ein nachhaltiges Umdenken in Gang zu setzen, das Umwelt, Mensch und Tier gleichermaßen Respekt zollt.

An unserem ersten Reisetag in Patagonien besuchen wir die Fuhrmann Wollfabrik in Trelew, in der die Wolle gereinigt und gesponnen wird. Das in der vierten Generation geführte Unternehmen ist maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass in der Region, in der die Menschen seit Generationen Schafzucht betreiben und ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Wolle und Fleisch bestreiten, langsam aber sicher ein Sinneswandel stattfindet. Das Besondere ist nicht nur die offensichtliche Leidenschaft für Schafe sowie für das Naturmaterial Wolle, sondern die Konsequenz, mit der Willy Gallia und seine Brüder dieses Umdenken in der Branche vorantreiben und mit der sie neue Wege beschreiten. Ziel ist es, eine neue Verhaltenskultur zu etablieren und den Erfahrungsaustausch untereinander zu fördern. Nicht ohne Grund ist einer der Fuhrmann-Brüder Mitglied in der »Federacion lanera Argentina (FLA )«, einer Vereinigung, der Umwelt- und Tierschutz und Arbeiterrechte gleichermaßen am Herzen liegen.

Warum Transparenz so wichtig ist? Weil sie die Grundlage für Vertrauen schafft

Zu den gemeinsamen Werten und Zielen gehören neben einer umwelt- und tiergerechten Haltung auch langjährige Arbeitsbeziehungen auf Augenhöhe – bestes Beispiel ist die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Wollhändler Diego Maza, der nicht nur ein Vollprofi in puncto Wollqualitäten, sondern auch so etwas wie die gute Seele des Unternehmens ist – und vor allem auch Transparenz. Denn beides schafft die Grundlage für Vertrauen. Genau aus letzterem Grund sind wir hier in Patagonien und sitzen gemeinsam an einem Tisch und können kritische Fragen stellen. »Wir sind noch lange nicht perfekt aber wir geben uns größte Mühe, die Standards Schritt für Schritt zu verbessern. Wir befinden uns mitten in einem Work in Progress.«, erklärt Willy Fuhrmann. Statt sich für Wischiwaschi-Zwischenlösungen zu entscheiden, verfolgen beide Unternehmen einen holistischen Ansatz und nehmen sich lieber Zeit, damit die Dinge bestmöglich werden. Fuhrmann und Armedangels wollen wirklich und langfristig etwas in der Branche bewegen. Eine Besonderheit bei Fuhrmann ist übrigens auch die vertikale Integrierung von Farmen, sprich, dass Farmen und Wollfabrik unter einem Dach gemanagt werden. Eine Unternehmenskultur, die in dieser Branche alles andere als üblich ist. »Das Tolle ist, dass es sich hier um eine Win-win-Situation für alle Beteiligten handelt, weshalb immer mehr Farmer an der Produktion nachhaltiger Wolle interessiert sind: Die Gewinnspanne bei tiergerechter Bio-Schurwolle ist um etwa 10 Prozent größer als bei herkömmlicher Wolle und die Nachfrage steigt – nicht zuletzt dank Unternehmen wie Armedangels – kontinuierlich«, erklärt Willy.

Die meisten machen sich vor dem Kauf eines Wollpullovers keine Gedanken

Dass ein himmelweiter Unterschied zwischen ökologischer und tiergerechter Wolle besteht, wird uns auf dieser Reise spätestens am vierten Tag bewusst, als wir Augenzeugen der einmal jährlich stattfindenden Schafschur werden. Da sämtliche Schafschuren in den Fuhrmann-Partnerfarmen zu diesem Zeitpunkt bereits stattgefunden haben, wir aber dennoch einen Eindruck von dem Prozess bekommen sollen, besuchen wir eine Farm, dessen Betreiber die Fuhrmanns kennen, mit der das Unternehmen jedoch nicht zusammenarbeitet. Netterweise gewähren sie uns Journalisten an diesem Tag Einlass und ungeschönte Einblicke. Als wir vor Ort sehen, wie die Schafe im Akkord geschoren werden und wie viele von ihnen mit blutigen Schnitten und Wunden übersät sind, sind wir alle zutiefst geschockt. Damit hatte keiner von uns gerechnet… In den folgenden Tagen unterhalten wir uns immer wieder sehr intensiv und kontrovers über diese Erfahrung, die uns alle sehr mitgenommen hat.

Ich schätze mal, dass sich die meisten von uns, vor dem Kauf eines Wollpullovers keine Gedanken darüber machen, wie es eigentlich dem Schaf, immerhin dem Tier, dem wir dieses flauschige, wärmende Material zu verdanken haben, bei einer Schur ergeht. Bei dieser besagten Farm handelte es sich sogar um eine »Organic Farm«. Das heißt, sie machen dort schon vieles richtig, allerdings eben noch längst nicht alles. Weder die Arbeiter noch die Schafe stehen hier im Fokus, sondern der Umweltschutz und die Qualität der Wolle. Der Begriff Bio-Wolle besagt also noch lange nicht, dass die Schafe auch wirklich tiergerecht gehalten und geschoren werden, sondern lediglich, dass keine Chemikalien zum Einsatz kommen. Genau aus diesem Grund legen Armedangels und Fuhrmann neben Tierschutz auch größten Wert auf Weiterbildungsmaßnahmen. Die Schur auf dieser Farm hat mir und den anderen glasklar vor Augen geführt, wie enorm wichtig es ist, dass die Saisonarbeiter, die die Schafe jedes Frühjahr scheren, gut geschult und keinem massiven Zeitdruck ausgesetzt sind.

 

Gemeinsames Ziel? Woolwear to be proud of 

Dass weder Tiere, noch Mensch und Umwelt leiden müssen – das zu beweisen, sind Armedangels und Fuhrmann angetreten. Langfristiges Ziel? Woolwear to be proud of. Dass tiergerechte Bio-Wolle seinen Preis hat und teurer als konventionelle Wolle ist, liegt auf der Hand. Aber ist es nicht fair, etwas mehr für ein Produkt zu bezahlen, für das niemand leiden musste? Denn gerade wir Konsumenten können erheblich dazu beitragen, dass bei der Gewinnung von Wolle ein Umdenken stattfindet, das über Wettbewerbsdruck und Preisdumping siegt und zu einem nachhaltigen Wandel führt.

Am Ende unserer Reise stehen wir im Nationalpark Los Glaciares vor dem Gletscher »Perito Moreno«. Ein weiteres Mal sind wir überwältigt von diesem gigantischen Naturschauspiel und von dieser schwer in Worte zu fassenden Schönheit. Welche Erkenntnis ich von dieser Reise mitgenommen habe? Transparenz macht nicht nur Unternehmen schöner, sondern auch Menschen. Denn Transparenz bedeutet unter anderem auch, sich verletzlich zu machen, sich in die Karten gucken zu lassen und zu zeigen, dass man zwar nicht perfekt ist aber bemüht, sein Bestes zu geben. Und genau von diesem Moment an wird es authentisch und interessant.

Ein weiteres Fazit? Funklöcher haben noch niemandem geschadet. Im Gegenteil – wer zwischendurch mal offline ist und keinen Empfang hat, wird wieder empfänglich für die wirklich wichtigen Dinge im Leben und erkennt: Alle sind mit allen verbunden.

 


WOOL & THE FACTS
Die Schafschur findet einmal jährlich statt. Und zwar nach dem Winter, wenn das Fell besonders dick ist. Für seine Erzeugnisse verwendet Fuhrmann die Wolle von so genannten »Multi Purpose Merinoschafen« – die perfekte Rasse zur Wollgewinnung. Die Schafe haben zierliche Gliedmaßen und wenig Falten und können dadurch einfacher – und ohne Zufügen von Wunden – geschoren werden, außerdem ist die Wolle besonders fein und hochwertig. Multipurpose bedeutet, dass das Fleisch verzehrt wird, sobald das Schaf nicht mehr geschoren werden kann. In der Regel sind die Schafe sechs Jahre alt, wenn sie geschlachtet werden. Die Schur eines Schafes erzeugt ca. zwei Kilogramm Wolle, die anschließend verarbeitet werden kann. Bei Armedangels nimmt der Wollanteil 5 % des Gesamtsortiments ein. Warum das Eco Brand seine Wolle aus Patagonien statt aus Deutschland bezieht? Weil diese in der Qualität, in der Menge und zu dem Preis hierzulande nicht erhältlich wäre. Die Vision von Armedangels, nachhaltige Produkte und Prozesse mit möglichst großem Impact in der Textilindustrie zu verankern, ist nur unter diesen Bedingungen in Patagonien langfristig möglich. Mehr Infos unter armedangels.de/nothing-to-hide.

 

Fotos: PR, Cecil Arp, Lesley Sevriens, Anastasia Velminski, Madeleine Alizadeh, Steffi Wolters

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Armedangels. 

 

Und hier geht’s zu unserem Interview: 10 Jahre Armedangels – Martin Höfeler im Interview.