Bibi Russell: Vom Supermodel zum Fashion-Vorbild

Fair Fashion von Bibi Russell: Vom Supermodel zum Fashion-Vorbild
Dass der Verweis »Made in Bangladesch« durchaus auch positiv besetzt sein kann, dazu hat vor allem eine Frau beigetragen – Bibi Russell. Das Ex-Model hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten wahre Pionierarbeit in ihrem Heimatland Bangladesch geleistet. Zu ihren Fans gehören Berühmtheiten wie Hollywood Schauspieler Antonio Banderas und das Who is Who der indischen Bollywood-Szene. Das Leben schreibt immer noch die schönsten und vor allem spannendsten Geschichten – die von Bibi Russell könnte man locker verfilmen. Im Alter von 18 Jahren verließ Bibi Russell ihre Heimat Bangladesch, um sich in London am berühmten College of Fashion zu bewerben und wurde prompt angenommen – als erste Frau aus Bangladesch (übrigens einer ehemaligen britischen Kolonie), die an einem britischen College Modedesign studierte. Um sich nebenbei etwas Geld dazu zu verdienen, begann sie als Ankleiderin bei Modenschauen zu arbeiten.

Bibi Russel war in den 80er Jahren ein gefragtes Supermodel

Es dauerte nicht lange, bis die aparte junge Frau als Model entdeckt wurde. Schon bald flog sie rund um den Globus und avancierte in den Siebzigern rasch zu einem der bezahlten Topmodels. Doch nach 20 Jahren hatte sie genug von ihrem Glamour-Glitzer-Dasein und verließ 1995 ihre Wahlheimat London, um nach Bangladesch zurückzukehren. Kaum angekommen, gründete sie 1995 ihre Firma Bibi Productions, mit dem Anliegen, traditionelle, vom Aussterben bedrohte Webtechniken und Handwerksfertigkeiten wieder zu beleben. Seitdem lebt und arbeitet das Ex-Model in ihrer Heimatstadt, der 15 Millionen Metropole Dhaka und fertigt gemeinsam mit etwa zwei Dutzend Mitarbeitern in ihrem 50 Quadratmeter großen Atelier neben ihren handgewebten Saris auch diverse Accessoires und Dekoartikel aus hochwertigen Materialien. Allen Zweiflern zum Trotz, ist es ihr gelungen, innerhalb kürzester Zeit, ein florierendes Geschäft aufzubauen, von dem in erster Linie die Einheimischen profitieren. Wenn man sich für Bibi eine Berufsbezeichnung ausdenken dürfte, träfe es  »Textilbotschafterin« ziemlich gut.
BIBI_ARTIKEL_12Denn sie reist regelmäßig quer durch Bangladesch und besucht Dörfer und deren Bewohner, um ihnen Alternativen zur herrschenden Textilbranche aufzuzeigen und sich die Expertise Jahrhunderte alter Kunstfertigkeiten (wieder) anzueignen. Wie beispielsweise das Weben traditioneller Teppiche, die in Bangladesch bereits seit dem 14. Jahrhundert aus einem Baumwoll-Jute-Mix gefertigt wurden, bis deren Herstellung beinahe komplett in Vergessenheit geriet. Dank Bibi werden sie nun wieder produziert. Oder aber das Spinnen von Khadi, einem Stoff, mit dessen Spinnen bereits Mahatma Gandhi in den zwanziger Jahren begonnen hatte. Das Spinnrad war für den Freiheitskämpfer das Symbol der Unabhängigkeit, da es der Bevölkerung die Möglichkeit zur Selbstversorgung bot. Und genau daran erinnert Bibi Russell heute die Menschen aus den Dörfern. So arbeitet sie beispielsweise eng mit Weberfamilien aus Tangail zusammen und animiert diese dazu, völlig neue Farbkombinationen und Muster auszuprobieren, die für die (hoch versierten) Weber zunächst eine echte Herausforderung darstellten. Inzwischen sind zu einem echten – und gerne kopierten – Markenzeichen geworden. Anstatt in teure Maschinen zu investieren, die Nylon und andere synthetische Fasern produzieren (und dank deren Anschaffung sich die Arbeiter verschulden und in eine lebenslange Abhängigkeit geraten), ist das Spinnen ein rein biologischer Prozess, der komplett ohne Maschinen und Chemikalien auskommt.

Ob spezielle Häkelarbeiten, feinste Webarbeiten aus Seide oder Baumwolle, Materialien wie Seidenorganza, Schuhe, die aus alten Keksverpackungen produziert werden oder aus Wasserhyazinthen gefertigte Armbänder – Bibi Russell forscht stets nach neuen Materialien und nach in Vergessenheit geratenen Stoffen wie Mousseline und vereint diese mit traditionellen Verarbeitungstechniken. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sie in ganz Bangladesch ein Netz aus unterschiedlichsten Textil-Experten gesponnen und Tausenden Menschen zu einem selbstbestimmten Leben verholfen. Für ihre Projekte und ihr Engagement hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem wurde sie mehrfach durch die UNESCO ausgezeichnet. Mahatma Gandhi wäre mit Sicherheit mächtig stolz auf seine Schwester im Geiste.

BIBI_ARTIKEL_Produkte

Das Glück der kleinen Dinge: Hier könnt Ihr die schönen Accessoires von Bibi Russell kaufen.

Hier geht’s zum Interview mit Bibi Russell und hier zum  Interview mit Silvia Gattin – einer weiteren Modepionierin.

Fotos: Shutterstock, PR