Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Leute machen Kleider. Und fair gefertigte Kleider können Existenzen sichern. Wie geht ein Slow Fashion Brand mit der aktuellen Krise um? Und warum ist es wichtig, weiter mit Menschen auf aller Welt an der Mission Fair Fashion zu arbeiten? Wir haben mit Jorge Acevedo von Santa Lupita gesprochen.

Mode verbindet. Sie baut Brücken. Erhält Kunst und Tradition über Generationen hinweg. Sie ist ein gesellschaftlicher Spiegel. Und wichtiges Instrument, um den täglichen Konsum nachhaltig zu gestalten. Mode ist nicht nur anziehend – sondern für viele Menschen aus Lebensgrundlage. Doch wie ergeht Fair Fashion Labels in der aktuellen Zeit? Zu meinen absoluten Slow Fashion Lieblingen gehört definitiv Santa Lupita. Bereits seit einigen Jahren trage ich die kunstvoll bestickten Kleider von Herzen gerne. Deswegen gehörten einige meiner Gedanken den Gründern Tanya und Jorge und ihren mexikanischen Kunsthandwerkerinnen. Wie geht es dem Label heute? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und was erhält ihre Hoffnung? 5 Fragen an Jorge Acevedo von Santa Lupita.

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Elementarer Teil von Santa Lupita ist das wunderschöne Kunsthandwerk der mexikanischen Artisans. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, mit den Frauen aus dem Kunsthandwerk zusammenzuarbeiten?
Tanya und ich sind in Mexiko aufgewachsen und waren immer von der traditionellen Mode und vom wunderschönen Kunsthandwerk aus der Heimat begeistert. Irgendwann spürten wir den Wunsch aus dieser Leidenschaft etwas zu machen und unsere Verbindung zwischen Mexiko und Europa dafür zu nutzen. Wir wussten, dass es in Europa eine Nachfrage nach einzigartiger, bunter, fröhlicher und unter fairen Bedingungen hergestellter Mode gibt, denn der bewusste Konsum hierzulande ist bereits seit mehreren Jahren ein Thema. Wir sahen auch die Möglichkeit, ein soziales Modeprojekt aufzubauen, mit dem wir Frauen in entlegenen Regionen Mexikos eine Möglichkeit bieten konnten, ihre Produkte weiterzuentwickeln sowie zu vermarkten und so ihre alten Traditionen zu bewahren. So fingen wir an, Recherche über diese Traditionen zu betreiben und reisten dafür mehrmals nach Mexiko, um die Regionen aufzusuchen, wo diese Traditionen weiterhin auf den Stoff gebracht wird. So fuhren wir von Dorf zu Dorf und klopften an Türen. Wir vernetzten uns mit den ersten Kunsthandwerkerinnen, die ihre Arbeit mit uns geteilt haben. Aus einigen Frauen in 2014 ist ein ganzes Netzwerk von über 130 Kunsthandwerker*innen geworden, die alle von zu Hause in ihren Dörfern arbeiten.

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Kein Internet und beschwerliche Reisen bis in die Dörfer, in denen eure Artisans leben: Die Zusammenarbeit war sicherlich schon vor der »Krise« aufwendiger. Wie kommuniziert ihr mit den Communities? Wie können wir uns die Zusammenarbeit vorstellen?
Die Reisen waren nie wirklich beschwerlich, ganz im Gegenteil. Sie mögen lang sein, aber sie sind immer voller Eindrücke, nicht nur kulturell, sondern auch von der Natur her. Sie bringen immer eine ganze Menge Inspiration und Zeit zum Nachdenken mit sich. Ich würde sagen, dass die Reisen sogar ein Vorteil sind. Man kommt sich ein wenig vor, als wäre man ständig im Urlaub. Bezüglich Internet & Co. müssen wir leider die Romantik ein wenig brechen, denn die Menschen in Mexiko sind inzwischen recht gut vernetzt und dadurch ist es in den letzten Jahren viel einfacher geworden, mit den Kunsthandwerker*innen z.B. über WhatsApp zu kommunizieren.

Am Anfang mussten wir noch teilweise im Dorfladen anrufen. Die Ladenbesitzer informierte dann die jeweilige Kunsthandwerkerin. 10 Minuten später wäre sie dann im Laden und wir konnten nochmal anrufen und alles »auf der Tonspur« besprechen. Das hat sich in kürzester Zeit drastisch geändert und hat die Zusammenarbeit deutlich verbessert. Wir sehen, dass mit Santa Lupita auch ein wenig technologischer Fortschritt in diese Gemeinden gekommen ist. Nichtsdestotrotz verbringen wir recht viel Zeit in den Communities, gerade am Anfang des Jahres, wenn wir mit der Produktentwicklung der nächsten Kollektion beginnen und nach dem Sommer, wenn die neue Produktionsphase beginnt und wir die Stoffe, Schablonen und alle notwendigen Anleitungen liefern.

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Covid-19 hat die ganze Welt durcheinandergeschüttelt. Wie geht es den Frauen, die mit Santa Lupita arbeiten? Welche Herausforderungen haben sie und könnt ihr eure Zusammenarbeit fortführen?
Wir sind ständig im Kontakt mit den Communities und für uns hat es höchste Priorität, dass alle gesund bleiben und sich niemand einer Gefahr aussetzt. Die Lage in Mexiko ist momentan sehr ernst und die Ansteckungsgefahr noch sehr hoch. Der Lockdown wird voraussichtlich noch bis Mitte-Ende Juni andauern und solange sind die Menschen dort aufgefordert ihre Häuser nur in dringendsten Fällen zu verlassen. Die Gemeinden sind trotz Entfernung zu großen Städten gefährdet, denn anscheinend ist die indigene Bevölkerung für das Virus besonders anfällig.

Zum Glück hat das Slow Fashion System auch hier seine Vorteile, denn wir waren das letzte Mal im Februar in Mexiko, kurz vor dem Virusausbruch, und haben die Stoffe für die Produktentwicklungsphase geliefert. Damit können jetzt die Frauen von zu Hause arbeiten und sind somit weiter beschäftigt. Wir haben nicht den Druck ständig irgendwelche Kollektionen auf den Markt werfen zu müssen. Das gibt uns Zeit, um an Alternativen zu arbeiten. Unsere Hoffnung besteht darin, dass wir spätestens im Oktober in der Lage sind, nach Mexiko zu reisen, um dann dort die Produktionsphase der nächsten Kollektion zu starten. Sollte das nicht der Fall sein, dann müssen wir uns überlegen, ob wir ein höheres Risiko eingehen und die Kollektion »aus der Distanz« absegnen oder ob wir nächstes Jahr mit einer einfacheren Bestseller-Kollektion arbeiten, um das Risiko zu minimieren. Wir werden jedenfalls alles dafür geben, dieses Projekt weiterzuführen und die Beschäftigung für alle Kunsthandwerker*innen zu sichern.

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Santa Lupita – von Kunsthandwerk und Slow Fashion in der Coronakrise

Ihr seid ein kleines, lokal arbeitendes Slow Fashion Brand. Was bedeutet die aktuelle Situation für euch als Modelabel?
Es ist eine schwierige und herausfordernde Zeit, die allerdings Chancen mit sich bringt. Die gesamte Modeindustrie steht vor einer 180 Grad-Wende. Ab nächstes Jahr wird die Branche ganz anders aussehen… hoffentlich. Die aktuelle Situation gibt jedem Modeunternehmen (oder zumindest denen, die diese Krise überleben werden) die Möglichkeit, das bisherige Geschäftsmodell zu überdenken. In Zukunft sollte es nicht mehr darum gehen, wie man man ohne Grenzen wachsen, wachsen, wachsen kann, sondern viel mehr um die Frage, wie man organisch die optimale Unternehmens- und somit die richtige Produktionsgröße erkennen und erreichen kann. Der Fokus wird mehr in Richtung nachhaltige Profitabilität gehen. Dafür müssen sich aber bestimmte Elemente der Branche ändern, wie zum Beispiel das saisonale Kalender (es macht keinen Sinn, wenn Sommerware im Februar und Winterware im August in die Läden kommt) oder die starke Discount-Mentalität der Einzelhändler.

Überkapazitäten werden abgebaut und der direkte Onlinevertrieb ausgebaut. Vielleicht wird es dann Zeit, dass Bekleidung wieder vernünftige Preise bekommt und nicht zu einem Wegwerfprodukt wird. Für uns als Slow Fashion Unternehmen ist diese Entwicklung eine strategische Bestätigung. Nichtsdestotrotz werden andere Herausforderungen entstehen. Das Onlinevolumen wird rasant steigen und somit der Schwierigkeitsgrad, um online an die Kunden zu kommen. Der Versandvolumen wird auch signifikant steigen und man wird sich Gedanken machen müssen, wie das mit einer umweltfreudigen Strategie vereinbart werden kann. Das Hin- und Herreisen (für uns zum Beispiel nach Mexiko) muss optimiert werden. Zudem wird das Reisen erstmals komplizierter sein.

Welche Chancen seht ihr in der aktuellen Situation? Und was wünscht ihr euch?
Wir wünschen uns, dass die Kunden, die uns in den letzten Jahren mit ihrer Treue unterstützt haben, sich weiterhin für unsere Produkte interessieren und in uns eine Möglichkeit für ein bewusstes Modekonsum sehen. Wir wünschen uns, dass wir weiterhin einen Betrag zu dieser Wende leisten können, in dem wir zeigen, dass weniger mehr ist. Die Kunden sollen sich für langlebige Modeprodukte entscheiden und bereit sein, dafür den Preis zu zahlen – auch wenn das bedeutet, nicht so oft einzukaufen. Einkaufen sollte in erster Linie wieder zur Notwendigkeit werden und nicht zum Vertrieb von Langeweile. Natürlich wünschen wir uns aber auch, dass die Pandemie so bald wie möglich kontrolliert werden kann, damit wir unsere Kunsthandwerker*Innen wieder besuchen können.

Vielen Dank Jorge für deine Zeit und diese wertvollen Gedanken!

 

Fotos: PR

 

Ihr möchtet noch mehr über Santa Lupita erfahren? Hier geht es zu unserem Artikel: Santa Lupita – Handbestickte Fair Fashion aus Mexiko