Pukka und Unilever – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Ende 2017 ist der britische Bio Tee Hersteller Pukka von Global Player Unilever aufgekauft worden. Gründer Tim Westwell und Sebastian Pole haben sich freiwillig dazu entschieden. Als wir für eine Kooperation angefragt wurden, war für uns ziemlich schnell klar, dass wir keine Zusammenarbeit mit dem Label eingehen möchten. Trotzdem wollten wir herausfinden, was die Gründer zu diesem Schritt bewogen hat. Wir haben uns auf der diesjährigen Biofach Messe in Nürnberg persönlich mit Tim ausgetauscht, um mehr darüber zu erfahren, wie Nachhaltigkeit und das Agieren eines Großkonzerns zusammenpassen. Eine Momentaufnahme zwischen menschlicher Verbundenheit, Profit und Globalität.

Punkt 13.00 Uhr stehen wir auf dem Pukka Messestand in Nürnberg parat. Es ist voll. Wir werden hin- und hergedrängt, reden mit den PR-Verantwortlichen für Pukka in Deutschland und bekommen zwischendurch einen Ingwer-Latte angeboten. Nein, danke. Wir sind für ein Interview hier. Fokussiert. Konzentriert. Vorbereitet. Die letzten Tage und Nächte hatten Fenja und ich viel gelesen, recherchiert, diskutiert. Über Global Player, wirtschaftliche Verantwortlichkeit und darüber, ob man Pukka jetzt verteufeln darf oder nicht.

Kurz darauf steht Tim vor uns. Wilde Haare, ganz in Gelb gekleidet, bieten wir ihm an, in die Presse-Lounge zu gehen, um dort unser Interview in Ruhe zu führen. »Klar!«, grinst er und gemeinsam trotten wir ein paar Messe-Stockwerke höher. Hier steppt ebenso der Interview-Bär. Alles besetzt. Kurz atmen. »Wie wäre es, wenn wir uns einfach hier auf den Boden setzen, unter den Baum?« – ich frage ihn einfach frei heraus. Und noch bevor ich mir eine blöde Erklärung ausdenken kann, sitzt Tim auch schon in perfektem Lotussitz auf dem Boden. »Hier ist es doch super!«, strahlt er mich an. Meine perfekte Interview-Situation. Entspannt, auf dem Boden unter einem Baum sitzend. Ich könnte jetzt auch einfach einen Tee trinken und mit Tim über Weltfrieden und Lieblings-Yoga-Plätze philosophieren. Aber ich will mehr wissen.

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Pukka – auf ein Tässchen Weltwirtschaft 

2017 ist die weltweit am rasantesten wachsende Bio-Tee-Marke Pukka ein Tochterunternehmen von Unilever geworden. Freiwillig. Und sicherlich nicht über Nacht. Tim erklärt uns, dass sie sich monatelang auf den Verkauf vorbereitet haben, gemeinsam mit unabhängigen Wirtschaftsexpert*innen und Umweltschützer*innnen, die sie bei der Entscheidung unterstützt haben.

Unilever. Ein Großkonzern, der mit einem Umsatz von 60,6 Mrd. US-Dollar auf Platz 103 der weltgrößten börsennotierten Unternehmen liegt (Quelle: Wikipedia). Ein Global Player mit niederländischen und britischen Anteilen, hinter dem viele Investoren und Aktionäre stecken. Eine Marktmacht, die die Kraft hat, andere Marken zu verdrängen und die auch heute noch zu den weltgrößten Verwendern von Palmöl gehört, durch dessen Anbau systematisch Regenwald und Lebensraum zerstört wird.

Unilever und Pukka. Weltmacht und idealistischer Bio-Tee mit Fair For Life-Siegel. Ich frage Tim, wie beides zusammen gehen kann. »Weißt du, für uns ist das die beste Möglichkeit gewesen, um weiter nachhaltig wachsen zu können. Mit Unilever an der Seite schaffen wir es, noch mehr Land ökologisch zu bewirtschaften und noch mehr guten Bio-Tee in die Welt zu bringen. « Ich verstehe, was Tim sagt – und ich verstehe ebenso die Intention dahinter. »Unilever hat auch noch weitere Teemarken im Portfolio. Wir sind binnen des Unternehmens in intensiven Austausch und ich weiß, dass wir das Unternehmen inspirieren, neu und anders zu handeln.«

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Pukka und Unilever – Kann ein Großkonzern von innen heraus revolutioniert werden? 

Gemeinsam mit Tata und Associated British Foods kontrolliert Unilever 80% des weltweiten Tee-Anbaus. Ein landwirtschaftlicher Zweig, indem Menschen in unterbezahlten und gesundheitsgefährdenden Zuständen auf den Feldern arbeiten. Teepflanzen sind unfassbar empfindlich und können in der Regel nur mit der Hand bewirtschaftet werden. Ein Knochen-Job. Ich will wissen, was Tim darüber denkt. Er stimmt mir zu: »Wir haben grundsätzlich in allen westlichen Ländern das Problem, dass unsere Lebensmittel viel zu günstig sind. Es ist so wichtig, dass sich das Bewusstsein über den wahren Wert von Lebensmitteln wie z.B. auch Tee weiter verschärft und dass die Konsument*innen sich im klaren darüber sind, dass sie mit ihren Kaufentscheidungen etwas bewirken können.«

Alle Zertifizierungen bei Pukka wie Bio-Qualität und Fair For Life Siegel sowie das Commitment zu den Organisationen »1% for the Planet« oder »BCorp«, welche sich aktiv für neue Wirtschaftsformen einsetzen, haben Tim und Sebastian vertraglich absichern lassen. Pukka ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Unilever, handelt aber als ein eigenständig operierendes Unternehmen. Tim und Sebastian sind nach wie vor im Vorstand. Und klar: Mehr Umsatz bedeutet auch mehr Spenden für die gemeinnützige Organisation »1% for the Planet«, über die Unternehmen auf der ganzen Welt 1% ihres Umsatzes für Umweltschutz-Projekte spenden. Ob hier weitere Marken von Unilever nachziehen?

Weiter, größer, besser mehr 

Zu Unilever gehören aktuell rund 400 internationale Marken. Darunter Axe, Dove, Knorr oder Ben & Jerrys. Letzteres sogar seit über 20 Jahren. Auch wenn das amerikanische Label mit den verrückten Eissorten nicht freiwillig verkauft wurde, sondern durch eine feindliche Übernahme in den Unilever-Konzern integriert wurde, so könnte man doch annehmen, dass Geschäftspraktiken wie biologische Milchwirtschaft und ein Fair Trade Siegel andere Unilever-Marken hätten inspirieren können. Leider nein – auch heute wirtschaften Langnese oder Magnum mit den gleichen Zutaten und Geschäftspraktiken wie seit Jahrzehnten.

Ein erster, grüner Lichtblick der letzten Jahre sollte Geschäftsführer Paul Polman sein. Er führte Unilever fast 10 Jahre lang. »Seit seinem Amtsantritt 2009 versuchte er die Firma auf mehr Nachhaltigkeit auszurichten – und riskierte damit auch hohe Margen. Sein Engagement für eine bessere Welt nehme außerdem zu viel seiner Zeit in Anspruch, warfen ihm Investoren vor« so das Handelsblatt im Oktober 2018. Seit 01. Januar 2019 hat Unilever einen neuen CEO. Angeblich sollen die Nachhaltigkeitsziele weiter ausgebaut werden – genau wie eine Verdopplung des Umsatzes. Wie das Hand in Hand funktionieren soll? Darauf weiß Tim auch keine Antwort. Er sei ja schließlich nicht Unilever. Auch das kann ich nachvollziehen – und trotzdem ist Pukka jetzt Teil dieses Markenuniversums.

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell

Unilover anstatt Unilever!? 

Während Tim und ich uns unterhalten, rutscht mir in einer besonders kritischen Frage »Unilover« anstatt Unilever raus. Wir lachen. Und dabei sitze ich vor Tim und bewundere ihn dafür, was er und Sebastian mit Pukka erreicht haben. Und zeitgleich stimmt es mich traurig: Warum können grüne Unternehmer wie Tim nicht einfach einen »Unilover«-Konzern gründen und eine friedliche Weltmacht aufbauen, die Marken mit der gleichen Philosophie für fairen Handel und eine umweltfreundliche Ressourcennutzung zusammenbringen? Die die Menschen über den Profit stellen, ganzheitlich, immer und ohne Wenn und Aber. Die kleinen inhabergeführten Biomärkten genauso eine Chance geben wie großen, überregionalen Supermärkten. Außerdem hat für mich das Thema »Nachhaltigkeit« und Großkonzern immer ein gewisses Geschmäckle: Maßnahmen wie weniger Wasserverbrauch, Einsparung von Strom und weiteren Ressourcen bedeuten langfristig bares Geld. Aber Maßnahmen wie Arbeitsschutz, faire Bezahlungen und ebenso faire Arbeitszeiten, Schutz vor Sklaverei und arbeitnehmerfreundliche Arbeitsplätze bringen keine Ersparnisse und deshalb auch kein Profit. Wir haben hier keine klare Transparenz gesehen und uns deshalb gegen eine Kooperation mit Pukka entschieden.

Klar ist, dass Firmen wie Nestlé und Kraft Foods, aber auch Unilever, just in den USA schmerzliche Einbußen an der Börse annehmen mussten. Die Konsument*innen haben keine Lust mehr auf Fast Food und krankmachende Inhaltsstoffe, sondern entscheiden sich für Start-Ups und Jungunternehmen, die neue Alternativen bieten. Nachvollziehbar, dass Großkonzerne handeln und gutlaufende Bio-Pionierunternehmen wie Pukka in ihr Portfolio aufnehmen wollen. Schließlich versprechen Firmenaufkäufe aus dem Bio/Naturkosmetik-Sektor hohe Renditen. Aber ob das langfristig bedeutet, dass es weniger oder sogar keine fragwürdigen, wirtschaftlichen Praktiken mehr gibt? Der Glaube daran fällt uns schwer. Auch auf die Frage hin, ob Pukka zeitnah das Unilever Logo mit auf die Packung (wie bei Ben & Jerrys) nehmen möchte, gab es ein klares Nein.

Pukka bedeutet übrigens auf Hindi so viel wie »authentisch«. Und ich muss sagen, dass ich Tim als äußerst authentisch empfunden habe, auch und insbesondere, als wir uns nach dem Interview fest umarmten. Ich spüre, dass das, was Tim sich mit der Zusammenarbeit mit Unilever für Pukka wünscht, seiner aufrichtigen Wirklichkeit entspricht. Und wenn es eine Bio-Tee-Marke aus Großbritannien schafft, den weltweiten Tee-Handel zu revolutionieren und die Menschen für den Wert eines Lebensmittels zu sensibilisieren, dann mache ich Freudensprünge. Doch leider gibt es nicht nur Tims in der Wirtschaftswelt, sondern nach wie vor Menschen, Investoren und Manager, die bewusst Entscheidungen für den Profit und gegen Mensch und Natur treffen.

An dieser Stelle möchte ich Tim und dem deutschen Pukka PR-Team herzlich danken, dass sie sich so intensiv Zeit für uns genommen haben. Wir erachten diese Offenheit und diese Transparenz nicht als selbstverständlich.

 

Pukka Bio Tee – Warum wir keine Kooperation eingehen wollten. Pukka wurde an den Großkonzern Unilever aufgekauft. Ein Gespräch mit Gründer Tim Westwell und Lara Keuthen

Auf ein Wort mit …

ist ein neues Peppermynta Format, das uns raus aus dem Rumgenörgel und Spekulieren und rein in einen offenen Dialog auf Augenhöhe bringen soll. Wir haben keine Lust auf Brands mit dem Finger zu zeigen und keinen qualitativen Input zu leisten. Denn hey: Wir sind alle Menschen. Wir alle treffen Entscheidungen. Dafür gibt es Gründe – die wir nicht unbedingt teilen müssen, aber dennoch verstehen wollen. Wir möchten nachvollziehen können, mitreden und uns rauswinden aus Marketing-Sprech und PR-Blabla. »Auf ein Wort mit …« soll dir eine ausreichende Informationsbasis schenken, um dir deine eigene Meinung über Marken, Projekte und Organisationen zu bilden.

 

Fotos: PR

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