Geld regiert auch die grüne Welt? Nachhaltige Unternehmen und Investoren?

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Nachhaltigkeit vor dem Ausverkauf? Die Gerüchteküche brodelt, dass viele nachhaltige Firmen verkaufen wollen oder lukrative Angebote von Investoren bekommen haben. Von vielen Deals bekommen wir als Endverbraucher*innen wahrscheinlich gar nichts mit. Funktioniert das denn überhaupt? Profitorientierte Investments und ein nachhaltiges Unternehmen? Wir sprachen mit zwei Experten von Ökoworld über dieses Thema. 

Vor ein paar Wochen knusperten wir seit einer ganzen Weile nur noch verloren an unseren Bio-Apfelchips. Ja, es war uns zum Weinen zumute. Nach dem Verkauf von Schmidt´s und Pukka an Unilever und Sodastream an PepsiCo hatten wir gerade erfahren, dass Logocos an L´Oreal verkauft werden soll (Anmerkung der Redaktion: Das Bundeskartellamt muss noch zustimmen). Wir durchforsteten das Netz, lasen in Foren und sozialen Netzwerken die Kommentare durch und diskutierten wild im Team und mit Bekannten. Wir hörten von »Heuschreckeninvestoren«, uns flogen Fragen wie »Wie ist das dann mit Tierversuchen?«, »Wird Naturkosmetik irgendwann nur noch Nostalgie sein?, »Die großen Player bestimmen jetzt alles?«, »Geht es denn nur noch um den schnöden Mammon?« und vieles mehr um die Ohren. Wir waren verwirrt, ob der ganzen Gerüchte und Vermutungen und stellten uns irgendwann die Frage: »Ist es überhaupt möglich, nachhaltig zu wachsen und mit Investoren ein Unternehmen sicher und ethisch zu führen?« Investoren, denen diese Werte noch wichtig sind: Ohne Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Ohne Naturverschmutzung. Ohne Tierleid. Und vor allem – wie findet man sie?

Wirtschaft neu denken 

Als der erste Schreck und ein weitere große Tüte Apfelchips endlich verdaut waren, begannen wir, nachzudenken. Darüber, wie nachhaltig Kapitalismus überhaupt sein kann – und ob wir mit unseren Magazin-Inhalten einen Mehrwert für eine bessere, ökologische Welt bieten. Und natürlich: Das tun wir! Weil wir sorgfältig recherchieren und die Lupe immer dreimal auf die Unternehmen halten, bevor wir über sie schreiben oder mit ihnen zusammenarbeiten. Unternehmen, die nicht-profitorientiert, aber trotzdem gewinnbringend arbeiten – Hand in Hand mit Natur, Tier und Mensch. Auch das Konzept der »Gemeinwohl-Ökonomie« ist eine Lösung. Weit ab von Wirtschaftsinteresse getriebener Lobbyismus-Entscheidungen. Wir versetzten uns in die Lage von Jung-Unternehmer*innen und fassten uns auch an die eigene Nase. Denn oft gab es Situationen, in denen unser Magazin alles andere als ein nachhaltiger Job für uns war und ein/e Investor*in ein Segen für uns gewesen wäre: »Was mache ich, wenn ich eine tolle Idee, großartige Werte und dazu noch ein nachhaltiges Produkt habe – allerdings Geld brauche, um weitere Schritte voranzutreiben?«

Sharing is caring und grüne Start-Ups!    

Unser erster Gedanke waren natürlich Crowdfunding-Kampagnen, die auf Plattformen wie Startnext oder Kickstarter durchgeführt werden. Power to the people! Allerdings sind diese Kampagnen oft nur der erste Schritt, um die Produktions-Marche, eine Immobilie oder anderes Material zu finanzieren. Und was kommt danach? In unseren Recherchen sind wir auf »Grüne Start-Ups« und »Green Up Invest« gestoßen. Hier sind Plattformen zusammengetragen, die Jung-Unternehmer*innen helfen, ihre grünen Projekte zu finanzieren. Auf den Seiten prangen lachende Gesichter von »Investor*innen«, die sich über das nachhaltige Handeln freuen. Sofort beschleicht uns die Frage: »Und woher kommt das Geld, dass diese Menschen einsetzen? Ist das überhaupt relevant? Zählt nicht das, was diese Menschen jetzt mit ihren finanziellen Mitteln fördern? Aber ist das irgendwie nicht das Gleiche, als wenn Großkonzerne mit Einzelprodukten Greenwashing betreiben?« Ein Berg an Fragen – nur ein bisschen klarere Sicht.

Ökoworld: Sozial-ethische Investments – gibt’s das überhaupt? 

In den letzten Wochen haben wir uns immer wieder intensiv mit Gunter und Alexander, beide Mitglieder der erweiterten Geschäftsleitung im Hause der Ökoworld AG, ausgetauscht. Wir diskutierten vor einigen Wochen gemeinsam »in guter Gesellschaft« über grüne Investments und die drei Säulen Ökologie, Soziales und Ethik. Denn unser Geld hat eine wirklich große Macht, wenn wir es bei konventionellen Banken parken und in dunkle Fonds investieren. Oft denken wir darüber aber im Alltag nicht nach, ob wir mittels unseres Geldes Miteigentümer*innen eines Rüstungskonzerns oder Atomkraftwerks sind. Als wir das erste Mal in Kontakt mit Alexander und Gunter traten, waren wir kritisch. Börse und Nachhaltigkeit? Grüne Investments? Wir lernten, dass es von den 70.000 börsennotierten Unternehmen gerade einmal 333 in die engere Auswahl, den Fond »Ökovision« von Ökoworld, schafften. Und dass sie aktuell mit rund 100 Unternehmen zusammenarbeiten. Das sind gerade mal 0,5%.

Dass unsere aktuelle Wirtschaftsform nicht bedeutet, dass alle mittelständigen und großen Konzerne den Planeten in den Ruin treiben, war ein weiterer Lichtblick. Und auch ist uns wieder bewusst geworden, dass Nachhaltigkeit als Wirtschaftsprinzip immer mit mehreren Brillen betrachtet werden muss. Denn auch Bildung, zukunftsorientierte IT-Lösungen oder Verkehrsmittel wie zum Beispiel Eisenbahnen können nachhaltig sein. »Wobei wir uns immer mehr von dem Wort Nachhaltigkeit distanzieren – wir nutzen eher die Worte ethisch, sozial und ökologisch!«, erklärt uns Alexander, als er an seinem Zero Waste Strohhalm zieht. Gunter fügt hinzu, dass der Begriff Zukunftsfähigkeit, also »Vorhaltigkeit« eigentlich treffender wäre als der zu oft für reine Marketingzwecke missbrauchte Begriff »Nachhaltigkeit«. Denn es geht darum, Mensch, Umwelt, Tier und Erde heute und in Zukunft davor zu bewahren, kaputt zu gehen.

Alexander leitet seit mehr als sieben Jahren das Fondsmanagement bei Ökoworld. Jedes Unternehmen, wie Windenergie-Parks oder Biolebensmittelhersteller, das er und sein Team, die Fondsmanager, als Aktieninvestment kaufen, wird immer von einem unabhängigen Gremium, das transparent über die Website einsehbar ist, überprüft und diskutiert. Das Gremium, der unabhängige Anlageausschuss für den Fonds Ökovision Classic, hat in allen Fällen das letzte Wort, unabhängig von den Mitarbeiter*innen, die die Investments koordinieren. »Die Abteilung Sustainability Research untersucht zuvor die Unternehmen und verfasst ausführliche Profile als Entscheidungsgrundlage«, fügt Gunter, Leiter der Kommunikationsabteilung, hinzu. Bei dem Wort Investor stellen sich uns noch wie vor die Nackenhaare auf. Seit dem Treffen mit Gunter und Alexander von Ökoworld zum Glück ein bisschen weniger. Auch, weil unabhängige Institutionen wie die Verbraucherzentrale sich solchen Themen widmen. Die Verbraucherzentrale Bremen und Stiftung Warentest bewerteten gerade erst ethische und ökologische Kriterien von 46 Investmentfonds. Nur einer meidet umstrittene Geschäftsfelder konsequent und erhält 100 Punkte von 100 Punkten: Ökoworld. Wir befragten Alexander und Gunter auch nochmal zu den Dingen, die wir in letzter Zeit gehört hatten:

Alexander, was ist überhaupt ein »Heuschrecken-Investor«?
Als »Heuschrecken-Investoren« bezeichnet man umgangssprachlich Investoren, die mit aller Härte kurzfristige Profitmaximierung betreiben und meistens verbrannte Erde hinterlassen. Es geht ihnen im Umkehrschluss nicht um soziale Fragestellungen oder eine langfristig orientierte nachhaltige Unternehmenspolitik.

Wie arbeiten diese Investoren?
Alexander: Unternehmen kaufen, ausrauben und verhökern – so kann man das wohl plakativ beschreiben. In der Regel werden Unternehmen mit einer guten Kapitalausstattung gesucht, diese werden dann geleveraged (Aufnahme von Verschuldung), auf Effizienz getrimmt und idealerweise nach einem Zeitraum von 3-5 Jahren weiterveräußert.

Wie und wo kann ich mich als normale/r Endverbraucher*in nachvollziehbar kontrollieren, welche Investoren an Unternehmen beteiligt sind?
Alexander: Das ist generell nicht einfach und hängt stark von der Rechtsform der Unternehmen und deren Sitz ab. Häufig ist die einzige Möglichkeit eine umfangreiche Internetrecherche oder eine direkte Nachfrage beim Unternehmen.

Wie übernehmt ihr Verantwortung, tauscht euch aus und haltet die Augen auf im Konsum-Rausch auf?
Gunter: Ökoworld wurde ursprünglich vor über 40 Jahren aus der alternativen Szene von Alfred Platow und Klaus Odenthal als kollektive Versicherungsagentur in einer Garage in Hilden bei Düsseldorf gegründet. Die beiden Vorreiter der ethisch-ökologischen Kapitalanlage, der eine Sozialarbeiter, der andere Mathematiker, bewirkten und revolutionierten über die Jahre einen grünen Bewusstseinswandel im Geldwesen. Ein transparentes Vorhaben, das auch heute so weitergeführt wird. Zeitgleich ist der Markt im ständigen Fluss. Dinge verändern sich, Firmen werden verkauft oder gar geschluckt. Oft hinter verschlossenen Türen und so verworren, dass wir als kritische, aber dennoch nicht inkludierte Verbraucher*innen fast keine Chance haben, die Strukturen verständlich zu durchschauen. Deswegen müssen wir uns darüber austauschen. Miteinander reden, nach Hilfe und Erfahrungen fragen. Recherchieren. Unternehmen mit ins Boot holen und Expert*innen mobilisieren. Sei es der Verbraucherschutz oder Menschen aus deinem Netzwerk, die in jeglicher Form besser vertraut sind mit dem Thema, als man selbst. Denn wenn wir eines gelernt haben, dass große Unternehmen sich bei ihren Investitionen und deren Strukturen ungern in die Karten schauen lassen.

Danke, Gunter und Alexander, für eure Zeit und die ehrlichen Diskussionen, die wir gemeinsam führen durften. #yourock!

Und weil wir »Team offene Karten« sind, decken wir uns jetzt mit Apfelchips ein und halten unsere grüne Lupe weiterhin für euch parat.

 

Fotos: Roman Dachsel