Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet in Österreich

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Österreich steckt voller Überraschungen. Im Zillertal gibt es ein Gebiet, welches an das Hochland in Tibet erinnert: Klein Tibet im Zillergrund. Dort wanderten wir mönchsgleich meditierend um einen Stausee und fanden auf der Hohenau-Alm Ruhe und Entschleunigung.

Der Linienbus schlängelt sich galant und doch mit reichlich Fahrt die kurvigen Straßen hinauf. Es geht auf 1.450 Meter Höhe. Zum Stausee am Zillergrund. Geschnürt, bepackt und vollkommen vorfreudig sitzen Roman und ich gemeinsam mit 10 Rentner*innen und einer Familie in dem Bus Richtung Gipfel. Wasserfälle rauschen aus den vorbeiziehenden Felsspalten. Kühe versperren den Weg. Herrlich!

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Circa 20 Minuten später stolpern wir aus dem Gipfelstürmer. Wow. Wir sehen: Nichts. Eigentlich sollte ein großer Stausee vor uns liegen. Kurz frage ich mich, ob wir mit dem schnittigen Omnibus nicht einfach hoch ins Jenseits geiert sind. Aber es fühlt sich alles ganz echt um mich an. Dicker, fetter Nebel. Nieselregen. Kurzer Blickaustausch zwischen Roman und mir. Fenja hatte uns erst gestern Abend von »Klein Tibet« erzählt und wir schmissen, locker flockig und mit Sonnenschein im Nacken, die Wanderpläne um und entschieden uns spontan für die kleine Hide-Away-Wanderung. Jetzt stehen wir im Niesel-Nebel-Regen und blicken in weiße Schleier-Wolken.

Wagnis: Die ersten 50 Meter in Richtung Staumauer. Ich bete, dass derweil kein Rentner ausrutscht und in die weite, weiße Tiefe fällt. Doch durch die Nebelwand erkennen wir einen Tunnel. Da geht es wohl lang. Ich fühle mich kurz wie Alice im Wunderland, doch mein tollster, mutiger Riesenfreund stiefelt schon wie das weiße Kaninchen einfach drauf los. Es tropft, dämmert, Kälte kriecht unsere Beine hoch. Dort, am Ende, Licht (Anmerkung: Der Tunnel ist in der Tat leicht beleuchtet. Wer sich schnell gruselt, so wie ich, packt am besten noch eine Taschenlampe oder einen tollen Beschützer-Freund ein).

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Klein Tibet – wenn Island auf Österreich und Nepal trifft 

Der Tunnel führt uns auf einen Schotterweg. Links steile Wände, rechts Tiefe. Wir sehen kleine Fetzen des türkisfarbenen, schimmernden Stausees, der sich durch die Nebelfronten hindurchfunkelt. Keine 100 Meter weiter tost und tobt schon der erst Wasserfall von einem kleinen Berg hinab bis in den See. Regen von oben, Wasser von der Seite, Wasser unter uns. Alles fließt. Schritt für Schritt. Es begegnet uns eine Gruppe Vorzeige-Funktionskleidungs-Mitfünfziger, die meine bereits durchnässten Barfußschuhe belächeln. Die drei werden in den nächsten drei Stunden die einzigen Menschen sein, die uns begegnen.

Hinter der ersten Kurve der erste, farbige Lichtblick. Eine typische tibetische Gebetsfahne weht sanftmütig im Wind hin und her, trägt die Gebete durch die Lüfte hinfort. Wir bleiben stehen, atmen. Wieder ein Stück Stausee zu unseren Füßen. Immer und immer wieder finden wir kleine Tafeln mit schönen Sprüchen, die uns schmunzeln und diskutieren lassen oder auch einfach in Stille nachdenken. Dort – zum ersten Mal die andere Seite des Sees. In regelmäßigen Abständen warten liebevoll geschnitzte Bänke auf müde Wander*innen. Wir ruhen im Gehen. Nur auf der »Stein-Stapel« Bank halte ich an und baue einen kleinen Turm aus Steinen. Immer wieder bricht die Wolkendecke auf. Der Stausee gibt immer mehr von sich Preis. Die Landschaft mit dem satten Grün, den moosigen Flecken und grauen Sprenkeln erinnert mich an isländische Weiten.

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Slow Travel Wandertipp – Klein Tibet im Zillertal 

Sechs Monate autark im Nirgendwo 

Nach knapp 2 Stunden Slow Hiking Deluxe unter tibetischen Gebetsfahnen entlang, vielen, tiefen Atemzügen, staunenden Blicken und tausenden Momentaufnahmen, die unsere Seele wie ein Schwamm aufsaugt, sehen wir fünf große Stoffbahnen im Wind erstrahlen. Die Alm – wir haben es geschafft. Niemand ist zu sehen. Als ich um die Ecke biege, sehe ich zwei freilaufende Schweine und drei Hühner, die mich verdutzt anschauen. Mein Herz macht einen Sprung! Wir nähern uns dem Haus, das aussieht, als ob jeder einzelne Stein mit Hand aufeinandergesetzt wurde. Ein Hund, wie ein großer, grauer Wolf kommt uns entgegen. Hinter ihm eine junge Frau. Wir bestellen Tee und selbstgemachten Apfelkuchen. Und eine Käse-Jause dazu. Sie erzählt uns, dass sie mit zwei anderen Frauen hier lebt. Sie haben keinen Strom, außer einer Solaranlage, kein fließendes Wasser. Der Bach habe 8 Grad – hier waschen sie sich während der sechs Monate, in denen sie die Alm bewirten. Während wir ihren Worten lauschen trocknen meine nassen Wollsocken am Kamin. »Du lernst dich wirklich ganz anders kennen in der Zeit hier«, seufzt sie und hält den Blick sanft in die Ferne. Oh, wie sehr wir sie verstehen. Denn schon nach ein paar Stunden in diesem wunderschönen, rauen und doch so sanften Tal fühlen wir uns entschleunigt und ganz geerdet. Auf dem Rückweg pfeile ich schon an meiner Bewerbung für die Almbewirtung im kommenden Jahr. Servus!

Klein Tibet: So kommst du hin

Am einfachsten geht es mit dem Linienbus aus Mayrhofen zum Stausee am Zillergrund. Wer eine Extrarunde »Aufstieg« wünscht, kann schon an der Bärenalm aussteigen. Bequemer ist es, gleich bis hoch an den Stausee zu fahren. Das Ticket kostet circa 15 € pro Person inkl. Mautgebühren für die Straßen. Der Wanderweg ist sehr einfach, es gibt kaum Steigungen und der Weg ist die meiste Zeit gut begehbar.

Unseren Startpunkt Mayrhofen erreichst du super mit dem Zug oder dem eigenen Auto. Vor Ort ist kein Auto notwendig, da viele Busse zu unterschiedlichen Almen oder Sehenswürdigkeiten wie Naturschutzgebieten fahren. Der Spätsommer und der Herbst sind meiner Meinung nach die schönste Reisezeit.

 

Fotos: Roman Dachsel

 

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