Der Grüne Knopf – wie nachhaltig ist das staatliche Textil-Siegel?

Der Grüne Knopf – wie nachhaltig ist das staatliche Textil Siegel?

Am 09.09.19 wurde das staatliche Textil-Siegel »Der Grüne Knopf« eingeführt. Das erste seiner Art. Wir haben uns mit Heiko Wunder, Gründer des Labels Wunderwerk ausgetauscht. Warum wir finden, dass das Siegel alles andere als Orientierung schenkt und was Menschen aus der Fair Fashion Szene darüber denken.

Ist er das? Der heilige Gral des Siegel-Wirrwarrs? Endlich ein staatlich reguliertes, TÜV und Dekra geprüftes, umfassendes, weitgreifendes Siegel mit internationaler Wirkung? »Mit dem Grünen Knopf ist nachhaltig produzierte Kleidung leicht zu erkennen« heißt es in großen Lettern auf der Website des Siegels. Der Gedanke ist löblich – die Umsetzung allerdings wirklich fragwürdig.

Der Grüne Knopf – ein Schlupfloch für Greenwashing?

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat das Siegel begleitet und vor Kurzem eingeführt. Aktuell umfasst das Siegel 26 Sozial- und Umweltstandards. Das klingt ambitioniert. Allerdings werden diese Standards nur auf zwei Bereiche der gesamten Produktions- und Lieferkette angewandt: »Nähen und Zuschneiden« sowie »Färben und Bleichen«. Was das bedeutet? Die Prüfung der Lieferkette macht bei der Herstellung der Stoffe einen Stopp. Konventionelle Baumwolle, vollgestopft mit Pestiziden, chemische Fasern wie Viskose und sogar Polyester sind somit unter dem Siegel erlaubt. »Für Wunderwerk steht außer Frage, dass in der Zukunft ausschließlich nachhaltige Fasern benutzt werden«, so Heiko Wunder, Gründer des Fair Fashion Labels. »Organic Cotton ist ein Muss. Faire und nachhaltige Mode ist ein ganzheitliches Konzept. Die gesamte Fertigung sollte umwelt-, tier- und menschenfreundlich sein. Dazu gehören auch ressourcenschonend hergestellte Garne und Stoffe. Auch eine minimale bis gar nicht vorkommende Verwendung von erdölbasierten Kunststoffen steht für uns außer Frage. Ich habe diesen hohen Anspruch an Wunderwerk und sehe deshalb davon ab, Teil des Grünen Knopfs zu sein«, erläutert uns Heiko.

Warum ein Siegel auch Rückschritt bedeuten kann

Wir geben Heiko Recht: Der Grüne Knopf »verwässert« den hohen und wichtigen Standard, den Labels und unabhängige Siegel wie GOTS, die Fair Wear Foundation oder IVN hart und ambitioniert über Jahrzehnte aufgebaut hat. »Der Grüne Knopf ist quasi ein Freifahrtschein, um zukünftig auf die Verarbeitung von Bio-Baumwolle verzichten zu können, obwohl gerade große Marktplayer damit für ihre Textilien werben und dies als Ziel für den Umweltschutz angeben. Dies wird als Kriterium nicht eingefordert und damit könnten viele Firmen wieder umschwenken, um mit der billigeren Baumwolle enorme Kosten zu sparen«, fügt Heiko hinzu.

»Damit würde der Fortschritt bezüglich nachhaltiger Produktion stagnieren und die negativen Auswirkungen auf den weltweiten Biobaumwollanbau könnten extrem sein. Denn wenn die Faser oder der Stoff nicht aus nachhaltigem Anbau bzw. nachhaltiger Tierhaltung sein brauchen, können Textilriesen, um Geld zu sparen, eine Rückumstellung auf konventionelle Baumwolle und dessen Anbaumethoden durchführen – so würde das genau nach hinten losgehen. Dabei ist diese Anforderung für ein ökologisches Siegel unserer Meinung nach unabdingbar, denn vor allem die Rohstoffe haben einen sehr großen Einfluss auf die Nachhaltigkeit des Produktes«, so der Wunderwerk Gründer.
Doch nicht nur die Produktion der Rohstoffe ist ein Problem. Der Grüne Knopf fördert kaum soziale und menschenwürdige Produktionsstandards. Wer zum Beispiel in Europa produziert, wird hinsichtlich der Standards gar nicht gesondert geprüft. Was insbesondere für Fabriken in Osteuropa äußerst gefährlich ist. Denn auch die Menschen, die unsere Kleidung produzieren, haben ein Recht auf Schutz, Mindestlöhne, Krankenversicherungen und ein gutes Leben! Katastrophen wie das Drama rund ums Rana Plaza werden nicht verhindert, wenn Unternehmen weiterhin unter schlechten Sozialstandards produzieren dürfen und trotzdem auch noch als nachhaltig zertifiziert werden.

Wir haben keine Zeit für Firlefanz!

Der Grüne Knopf wurde bereits eingeführt, ohne dass er all die geplanten Kriterien beleuchtet. 2021 sollen Erweiterungen eingeführt werden. Ob das wirklich der Fall ist – who knows!? Riesenkonzerne wie Aldi, Lidl, Kaufland, Tchibo oder die Otto Group lassen einen Teil ihrer Kleidung bald mit dem Grünen Knopf besiegeln. Und haben ab sofort mindestens zwei Jahre Zeit, ihre Textilien im öffentlichen Raum siegelwirksam als noch nachhaltiger zu positionieren. Und das, obwohl sie das unserer Meinung und wichtigen Vorreiter-Marken wie Wunderwerk nach nicht sind.

Für mich läuft hier etwas in die absolut falsche Richtung. Der Gedanke der unternehmerischen Sorgfaltspflicht für die Politiker*innen wie die Grünen Abgeordnete Renate Künast einsteht, nehmen Unternehmen, wie das Wort bereits sagt, in die Pflicht für umweltfreundliche und soziale Standards einzustehen. Der Grüne Knopf hingegen ist freiwillig. Und fördert eine Schlupfloch-Kultur für Greenwashing, die aktuelle Standards sogar noch verschlechtern könnte.

Es bleiben uns noch knapp 10 Jahre, um unseren CO2-Verbrauch drastisch zu senken und unsere Umwelt zu retten. All unsere Kraft sollte in wirklich nachhaltige, umfassende, faire, soziale, umweltfreundliche Praktiken ohne Kompromisse fließen. Ich finde, die kleine »Schritt für Schritt Mentalität« verlangsamt den wirtschaftlichen Wandel und schenkt großen Konzernen nur noch mehr Zeit, ihre Praktiken weiter nicht ausreichend überarbeiten zu müssen. »Grundsätzlich befürworte ich ein Nachhaltigkeitssiegel, das durch den Bund gefördert wird. Aber nicht, wenn es nicht ganzheitlich nachhaltig ist«, bestärkt uns Heiko.

Wenn du diesen Artikel gelesen hast, dann sprich mit Menschen über den Grünen Knopf. Bestärke sie darin, weiter auf bewährte Siegel und Marken zu achten und halte, genau wie wir, den Grünen Knopf weiter kritisch im Auge. Zusammen sind wir stärker!

 

Fotos: PR

 

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