Menstruationshöschen – sind Period Panties wirklich nachhaltig? 


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Menstruationshöschen werden immer beliebter und sollen der Holy Grail für eine nachhaltige Menstruationshygiene sein. Die Period Panty Hersteller bewerben sie als nachhaltig, komfortabel und dabei hygienisch und gesundheitlich unbedenklich. Doch stimmt das wirklich?

Wie kann so viel Blut, für das wir am Tag mehrere Tampons brauchen, in einem einzigen Höschen verschwinden? Wir haben über ein Jahr lang recherchiert, Menstruationshöschen von fast allen bekannten Herstellern getestet und die Period Panties Lage für Lage analysiert. Für das umfangreiche Thema Menstruationswäsche hat uns Textil-Expertin Franziska Uhl mit voller Womenpower unterstützt.

Frauen und menstruierende Menschen bluten rund 3000 Tage in ihrem Leben – das sind 6 bis 7 Jahre. Während Frauen im Mittelalter in der Regel ihre Röcke kräftig im Schritt verknoteten, haben wir heute deutlich angenehmere Möglichkeiten, sauber, sicher und auch umweltfreundlich mit unserer Periode umzugehen. Zum Beispiel Dank Tampons aus Bio-Baumwolle, ökologischen Stoffbinden oder wiederverwendbaren Menstruationscups. Vor einigen Jahren schwappte dann der Trend der Periodenunterhose aus den USA zu uns nach Europa. Auf den ersten Blick eine Perioden Revolution: Menstruationsunterwäsche, die sogar schick und sexy aussehen kann, die uns sicher, trocken, hygienisch, geruchsneutral und auslaufsicher durch die Tage bringen soll. Doch auf den zweiten Blick? Fragen über Fragen. Und die Erkenntnis: Wir müssen über das Thema reden. In all seinen Facetten.

Menstruationshöschen – Sind sie wirklich eine nachhaltige Alternative?

Wir haben uns bereits im letzten Jahr dazu entschieden, einen umfangreichen Menstruationshöschen Guide aufbauen zu wollen. Einen Guide, für den wir fast alle bekannten Menstruationshöschen Anbieter:innen auf dem Markt testen, durchleuchten und das Konzept Menstruationsunterwäsche genau diskutieren wollten. Doch während wir uns Zyklus für Zyklus, Test für Test immer intensiver mit dem Thema Menstruationshöschen beschäftigten, wurden die Fragen rund um die Period Panties immer größer: Wird die Menstruationsunterwäsche fair produziert? Wie wirken die Menstruationshöschen überhaupt antibakteriell? Kann Bambusviskose hygienisch sein? Wie lange ist der Lebenszyklus einer Period Panty? Und ist sie wirklich eine nachhaltige Alternative? Denn wenn wir eines nicht vergessen dürfen: Menstruationsunterwäsche ist regelmäßig für mehrere Tage im Monat mit unserer Vaginalflora in Kontakt – einem direkten Tor zu unserem Körper, an dem Schadstoffe, Bakterien & Co. leichteres Spiel als über die Barriere der Hautoberfläche haben. Deswegen ist es besonders wichtig, dass Periodenunterwäsche sauber und keimfrei bleibt und gut gereinigt werden kann, aber auch keine schädlichen Stoffe beinhalten sollte.

Wir haben in den letzten Monaten Unmengen an E-Mails geschrieben, einen eigenen Fragenkatalog für die Hersteller von Menstruationshöschen entwickelt (den ihr der Länge halber in einem folgenden Artikel findet), Freundinnen zum Testen akquiriert, Wirkstoffe und Herstellungsweisen recherchiert, Forschungsinstitute um Stellungnahmen gebeten – und uns für diesen Artikel die beste Hilfe an Bord geholt, die wir uns haben wünschen können: Die studierte Textilingenieurin Franziska Uhl, die an dieser Stelle die Tastatur übernimmt und uns durch das Period Panty Universum führt. Danke Franzi!

Periode und Unterwäsche – So wird eine Unterhose zur Period Panty

Fast magisch wirkt die Funktionsweise von Periodenunterwäsche. Blut läuft aus und wird in dem Menstruationshöschen sicher verschlossen. Doch anstatt es entsorgen zu müssen, können wir die Period Panty waschen und so laut Hersteller über mehrere Jahre sicher nutzen. Wie funktioniert das Prinzip Menstruationsunterwäsche also? Jeder Menstruationsslip funktioniert etwas unterschiedlich, aber in ihrer Grundstruktur haben sie alle eine Sache gemeinsam: Das sogenannte Lagen- bzw. Schichtsystem.

Dabei gibt es drei oder vier verschiedene Lagen aus unterschiedlichen, textilen Materialien, die die Aufgabe haben, Flüssigkeit, also Menstruationsblut, möglichst schnell vom Körper weg zu leiten, dann aufzusaugen und dafür zu sorgen, dass diese aufgesaugte Flüssigkeit nicht nach außen gelangt.

Die Herausforderung dabei ist es, für die jeweilige Schicht das richtige Material zu wählen. Da es kein Material gibt, das alle geforderten Funktionen auf einmal erfüllen kann, wird ein bunter Strauß verschiedenster Fasermaterialien, Fasermischungen und Beschichtungen genutzt, um den Anforderungen der verschiedenen Lagen gerecht zu werden. Ich gebe dir in den nächsten Absätzen einen Überblick über diese Materialien und Fasern.

 

Materialcheck – Aus welchen Materialien bestehen die Period Panties?

Die Materialien ausführlich in ihren Pros und Contras auszuführen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wer sich intensiver damit befassen will, kann gerne meinen Link-Empfehlungen folgen, die passend zu jeder Faser platziert sind.

1 I DIE REGENERAT FASERN

Regenerat Fasern werden aus Holz-, Bambus- oder Eykalyptusfasern hergestellt. Diese Begriffe, also Holz-, Bambus- oder Eukalyptusfaser in der Produktbeschreibung von Herstellern, sind ehrlich gesagt nichts weiter als ein Marketing-Gag, denn dahinter verbirgt sich meist das gleiche Material.

Zu den Regenerat Fasern zählen Viskose, Modal oder auch Lyocell. Die Herstellung von Viskose und Modal ist mit einem ziemlich hohen Chemikalien Aufwand verbunden. Lyocell ist die »grünste« Option, weil weniger Chemikalien verwendet werden und die allgemeinen Eigenschaften der Faser um einiges besser sind. Ich habe bereits einen Artikel verfasst, der einen Überblick zu dieser Art der Fasern gibt.

Einige Menstruationshöschen Hersteller stellen ihre Panties zum Beispiel aus Bambusfaser her und werben damit, dass diese antibakteriell sei. Das ist meines Wissens nach ein weit verbreitetes Gerücht. Mal abgesehen davon, dass »Bambus« nach dem Textilkennzeichnungsgesetz durch »Viskose« ersetzt werden sollte, denn meines aktuellen Wissens nach gibt es keine seriöse Studie, die belegt, dass Regenerat Fasern wie Bambus oder Eykalyptus eine hohe antibakterielle Eigenschaft haben.

Tencel™ Lyocell ist den meisten ein Begriff. Hergestellt von der Firma Lenzing aus Oberösterreich steht dieses Material für eine sehr gute Orientierung in Sachen Qualitätsstandard und Herkunft der Fasern. Lenzing investiert meines Wissens nach seit Jahren sehr viel Geld in Innovation, Entwicklung und Nachhaltigkeitsstandards in diesem Bereich.

Zusammenfassend: Wenn euch ein Menstruationshöschen Hersteller verkaufen will, dass Bambus, Eykalyptus oder Holzfaser total super und öko sei, bleibt kritisch! Diese Materialien sind meines Erachtens nur ökologisch vertretbar, wenn der richtige Hersteller dahinter steht. Wie schon oben erwähnt, haben diese Fasern meiner Auffassung nach auch keine hohe antibakterielle Eigenschaft!


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I DIE NATÜRLICHEN FASERN

Diese Kategorie befasst sich mit allen Fasern, die in der Natur vorkommen und nicht durch chemische Prozesse in ihrer Struktur verändert werden.

Baumwolle
Baumwolle ist eine sehr stabile, scheuerfeste und heiß waschbare Faser. Diese im Bereich von Unterwäsche einzusetzen, macht also sehr viel Sinn. Bei vielen Periodenpanties wird Bio-Baumwolle als Schicht verwendet. Das ist für uns das Mindeste! Bei konventioneller Baumwolle kann ein Modeartikel meiner Meinung nach nicht nachhaltig sein. Für die Herstellung werden Unmengen an Wasser, Düngemitteln und Pestiziden verwendet, die das Grundwasser und die Böden vergiften. Mehr zum Thema Baumwolle findest du in diesem Artikel.

Merino Wolle
Merino Wolle ist die Wolle, die vom Merino Schaf kommt und besonders fein im Vergleich zu anderer Schurwolle ist. Merino wird oft als zweite Lage oder Futter in Menstruationshöschen eingesetzt. Das liegt daran, dass Wolle allgemein gut Feuchtigkeit aufnehmen und abtransportieren kann. Durch diese Eigenschaft bleibt die Faseroberfläche sehr lange trocken und es können sich dort nur mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Bakterienkulturen bilden. Einen ausführlichen Artikel über Wolle habe ich verlinkt.


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I DIE PLASTIKFASERN AKA CHEMIEFASERN AUF ERDÖLBASIS

In fast jedem Menstruationshöschen wird entweder Polyamid, Polyester oder Elasthan verwendet – in recycelter Form oder Virgin, was bedeutet, dass die Plastikfaser direkt aus Erdöl gewonnen wird.

Solche Materialien werden vor allem eingesetzt, weil sie sehr beanspruchbar, scheuerfest und kostengünstig herzustellen sind. Es ist wohl kein Geheimnis mehr, dass diese Materialien auch einige kritische Punkte mit sich bringen. Kunststoffe sind chemisch wahnsinnig stabil und benötigen, je nach Umwelteinflüssen, einige Jahrzehnte um zu zerfallen. Findet dieser Zerfall in der Umwelt statt, entsteht das berühmte Mikroplastik.


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I WEITERE FASERN: TAMBOOCEL™ & TRUETEX

Einige Brands arbeiten mit Materialien wie »Tamboocel™« und »Truetex«, von denen ich noch nie gehört und praktisch keine Informationen im Netz gefunden habe. Auf dieser Basis kann und will ich das Ganze nicht fundiert bewerten. Wenn du Informationen über diese Stoffe mit uns teilen kannst, tue dies gerne.

 

Der Aufbau von Menstruationshöschen – die Membran

Um die Period Panties auslaufsicher zu machen, arbeiten manche Hersteller mit einer sogenannten Membran. Oft wird dafür ein dünner Film aus Polyurethan, kurz PU, auf die äußerste Lage aufgetragen oder in der zweiten Lage des Menstruationshöschen mitverarbeitet. PU kennt ihr sicherlich als atmungsaktive Beschichtung von Regenjacken.

Es gab vor einigen Jahren einen Skandal, bei dem aufgedeckt wurde, dass in den Perioden Panties der Amerikanischen Marke Thinx PFAs gefunden wurden. PFA steht für Perfluoralkoxy-Polymere. Sie gehören allgemein zu den organischen Fluorverbindungen. Diese Stoffe sind seit letztem Jahr größtenteils in der Textilindustrie verboten, weil sie sich nicht biologisch abbauen lassen und unter Verdacht stehen, krebserregend zu sein.

Thinx arbeitet mit PU in der zweiten Lage. Eigentlich sollten in Menstruationsunterwäsche, in der mit PU gearbeitet wird, keine PFAs auftauchen. Denn wie oben steht, sind diese Stoffe nicht gesund – vor allem nicht in direktem Schleimhautkontakt wie in Unterwäsche.

Bei Thinx sind sie damals aber nachgewiesen worden. Was folgendes Problem aufzeigt: Manche Textilbetriebe stellen Produkte für diverse Auftraggeber her und arbeiten mit unterschiedlichen Materialien, manche davon können meines Wissens nach durchaus toxisch sein. Es kann passieren, dass zuvor auf der relevanten Maschine mit solchen Stoffen gearbeitet und diese danach nicht richtig gereinigt wurde. So kann dann das Material für die Periodenwäsche mit solchen Stoffen verunreinigt werden. Ihr kennt das vielleicht aus dem Supermarkt. Auf manchen Produkten findet ihr den Sicherheitshinweis: »Kann Spuren von Nüssen, Schalenfrüchten und Milchpulver enthalten« – so einen Hinweis gibt es allerdings nicht für die Textilindustrie. Wie können diese Verunreinigungen zustande kommen? Je intransparenter man die Produktion auslagert z.B. in Billiglohnländer, je mehr Zwischenstationen ein Kleidungsstück durchläuft, desto größer ist die Gefahr, dass solche Verunreinigungen passieren können.

 

Quelle: www.ooia.de

Tschüß Keime & Bakterien? Das umstrittene Thema Biozide

Menstruationshöschen sollen uns sicher und langlebig durch den Tag bringen. Viele Hersteller empfehlen eine Tragedauer für ein Menstruationshöschen von 8 Stunden, aber teilweise reichen die Trage-Empfehlungen sogar bis zu 24 Stunden. What??? In der Augsburger Allgemeinen sind wir auf einen sehr interessanten Artikel gestoßen. Hier äußert sich Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzt:innen, eher kritisch und sagt, die Perioden-Höschen sollten maximal acht Stunden am Stück getragen werden. Der Augsburger Allgemeinen gegenüber bestärkt er: »Idealerweise sollte bei einem Nässegefühl, beziehungsweise wenn das Blut in einer Binde oder dem Perioden-Panty zu riechen beginnt, gewechselt werden. Geruch kann ein Anzeichen dafür sein, dass die Vermehrung von krankmachenden Keimen begonnen hat.«

Also gut, es riecht. Weg mit dem Period Panty. Was wir beim Tragen und dem direkten Körperkontakt bedenken müssen? Das Blut ist zwar »eingeschlossen«, aber nicht weg. Durch das Schichtsystem entsteht ein feuchtes Milieu. In Kombination mit unserer Körperwärme sorgen wir so für ein ideales Klima für Mikroorganismen und Bakterien. Wie unter anderem auch das Unternehmen Ooia – auf dem obenstehenden Bild erkennbar – auf ihrer Website schreibt:

»Bei der Periode werden zusammen mit dem Blut auch Bakterien ausgeschieden. Diese vermehren sich in einem feuchten und warmen Umfeld besonders schnell – zum Beispiel in einer Periodenunterwäsche. Um diese Bakterien zu töten, müsste man sie bei 70-80 Grad waschen.«

Keiner dieser Menstruationspanties ist aber auf Basis der verwendeten Materialien darauf ausgelegt, so heiß in der Waschmaschine gewaschen zu werden, um diese Mikroorganismen zuverlässig abzutöten. Die meisten Labels sprechen Waschempfehlungen bis 40 Grad für ihre Menstruationshöschen aus.

Wenn jetzt die Menstruationshose nicht heiß genug gewaschen wird, kann es passieren, dass nicht alle Mikroorganismen abgetötet werden. Aus diesem Grund verwenden einige Periodenwäsche-Hersteller wie z.B. Ooia und Kora Mikino in ihren Menstruationshöschen Biozide.

Biozide sind Substanzen, die Schädlinge wie Pilze oder Bakterien, aber auch andere Organismen, abtöten. Sie werden vielfältig eingesetzt – unter anderem auch in Textilien. Bei Menstruationswäsche sollen Biozide dafür sorgen, dass sich keine Mikroorganismen in den Menstruationshöschen bilden, die unserer Intimflora schaden könnten.

Als Biozid wird bei Menstruationsunterwäsche meistens Silberchlorid verwendet. Bei einigen Herstellern wird das Ganze so kompliziert umschrieben, das selbst ich einmal kurz schlucken und noch mal lesen musste.

 

Quelle: www.koramikino.de

Wie oben im Screenshot der Marke Kora Mikino sichtbar, werden bei der Beschreibung von »Materialien und Inhaltsstoffe« auf der Website von Kora Mikino ganz viele komplizierte Fachbegriffe genannt. Für alle, die es also ganz genau wissen wollen, wie das – nach meinen Erkenntnissen – chemisch funktioniert: Das Titandioxid wird mit dem Silberchlorid so behandelt bzw. modifiziert, dass es Silberionen abgibt, die dann antibakteriell wirken. Dieser Mechanismus wird in die zweite Schicht der Unterhosen integriert, um das Bakterienwachstum zu hemmen. Was die Rolle von Silber Sodium Zirconium Salz genau ist, bleibt mir schleierhaft. Auch nach umfangreicher Recherche habe ich dazu keine weiteren Informationen gefunden. Außerdem spricht Kora Mikino – wie im Screenshot oben zu sehen – von »Öko-Silber«. Wir haben beim Hohenstein Institut nachgefragt, was denn »Öko-Silber« überhaupt sei und bekamen diese Antwort:

»Leider liegen uns keine Informationen zu Öko-Silber vor. Unseres Erachtens handelt es sich hierbei um einen reinen Marketing-Begriff, der (rechtlich) nicht klar definiert ist.«

 

Was genau ist das Problem von Silberchlorid als Biozid in Menstruationshöschen?

Dazu haben wir uns mit Expert:innen unterhalten und sie um Stellungnahme gebeten, damit wir die Thematik auch wirklich faktenbasiert abbilden können.

1 I DAS PROBLEM MIT DEN RESISTENZEN

Professor Dr. Torsten Textor von der Hochschule Reutlingen setzt sich seit Jahren intensiv mit der Forschung von antibakterieller Ausrüstung von Textilien auseinander. Ich habe ihn zum Thema Silberchlorid in Unterwäsche befragt. Er spricht bei diesem Thema vor allem die Problematik der möglichen Resistenzen an. Bakterien sind Lebewesen. Und diese Lebewesen können sich verändern, genauer gesagt mutieren. Das Biozid beseitigt eigentlich zuverlässig alle Bakterien, bis es einmal zufällig zu einer Mutation kommt. Oft werden diese Mutationen dann resistent und das Biozid kann ihnen nichts mehr anhaben. Das ist insofern gefährlich, weil unsere Vaginalflora mit einigen Bakterien super klar kommt, mit unbekannten Mutationen aber in der Regel nicht. Das heißt, dass das Biozid grundsätzlich zwar Bakterien abtötet. Aber ebenso die Gefahr entsteht, dass es zu Mutationen kommen kann, die sich ungestört in der Unterwäsche vermehren können.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung spricht dieses Problem an: »Die Datenlage zu möglichen längerfristigen Risiken, die mit dem breiten Einsatz solcher Produkte verbunden sind, sowie zur Auswirkung von Silber auf die humane Mikroflora und zu einer möglichen Resistenzentwicklung bei Bakterien gegen Silber oder Antibiotika im spezifischen Anwendungskontext ist weiterhin unzureichend. So wird im Zusammenhang mit Bioziden in Textilien über mögliche allergische Reaktionen, eine Resistenzbildung sowie eine Beeinträchtigung des Hautmikrobioms diskutiert. Bei Verwendung im Intimbereich kann daher auch ein Einfluss auf die Vaginalflora nicht ausgeschlossen werden

Meiner Meinung nach gibt es aktuell keine aussagekräftigen Studien und Tests, die das Thema so umfassend behandeln, als dass ich hier guten Gewissens schreiben könnte, dass die Thematik der Biozide in Menstruationsunterwäsche in diesem Bezug unbedenklich ist.

Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen rät die Hygienefachärztin Dr. Monika Schulze sogar davon ab, Unterwäsche mit Bioziden zu nutzen: »Da bei Menstruationsunterwäsche ein Kontakt zur Schleimhaut nicht ausgeschlossen werden kann, sollten Produkte ohne Zusatzstoffe wie Silberchlorid und anderen Bioziden bevorzugt werden. Auch können von solchen Wäschestücken beim Waschen Biozide gelöst werden, was negative Auswirkungen auf Wasserorganismen haben kann.«

2 I DAS PROBLEM MIT DER EUROPÄISCHEN BIOZID VERORDNUNG

Biozide werden gesetzlich in der Europäischen Biozid Verordnung definiert. Dort wird festgelegt, ob beispielsweise Silberchlorid überhaupt für Textilien verwendet werden darf. Diese Gesetzgebung ist noch nicht sehr alt und erst in Kraft getreten, als es schon etablierte Biozide am Markt gab. Das heißt, diese Biozide werden verwendet, sind aber offiziell noch nicht nach den Richtlinien der Biozid Verordnung geprüft. Sie dürfen also ungeprüft am Markt verwendet werden, bis eine Entscheidung über die Genehmigung getroffen wurde. Diese Stoffe nennt man Altwirkstoffe. Sie werden vom Bundesinstitut für Risikobewertung wie folgt definiert:

»(…)Silberchlorid ist einer dieser Altwirkstoffe, dessen Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist, das heißt, es hat noch keine Bewertung hinsichtlich der o.g. Anforderungen stattgefunden. Es ist also weder behördlich festgestellt, dass der Wirkstoff wirksam ist, noch ob die ihn enthaltenen Produkte bzw. behandelten Erzeugnisse (wie die Menstruationsunterwäsche) gesundheitlich oder in der Umwelt unbedenklich sind.«
(Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung, kurz BFR, 04.02.2021 – freundlicherweise hat Marisa von @mysustainableme ihre journalistische Anfrage mit uns geteilt)

 

Quelle: www.koramikino.de

3 I DAS PROBLEM MIT DEN STUDIEN

Es gibt nur wenige Studien zu diesem Thema. Beispielsweise hat das Hohenstein Institut eine Feldstudie durchgeführt, bei welcher 60 Proband:innen (30 Frauen/30 Männer) vier Wochen lang jeweils 8 Stunden pro Tag »Silberchlorid« Textilien getragen haben. Die beprobte Hautstelle lag im Schulterbereich und nicht im Intimbereich. Das Ergebnis der Studie ergab, dass das Silber keine Auswirkungen auf die Mikroflora der Haut hat. Auf diese Studie bezieht sich Kora Mikino womöglich, wenn man sich den obigen Screenshot von der Website anguckt.

Ich möchte hier gerne in Frage stellen, wie sinnvoll es ist, die Verwendung eines Biozides an der Schulter von Frauen und Männern zu testen, wenn das Endprodukt im Intimbereich bei Menstruierenden mit primär weiblichem Geschlecht angewendet wird.

 

Saubere Sache? Was in Sachen Reinigung von Period-Panties wichtig zu wissen ist

Deine Period Panty sollte gründlich gereinigt werden, um die Entstehung von schädlichen Mikroorganismen zu verhindern. Da eine 60-80 Grad heiße Wäsche auf Grund der Konstruktion und verwendeten Materialien nicht möglich ist, verwenden manche Hersteller wie oben erklärt Biozide im Saugkern. Wir haben jetzt also entweder Perioden Panties mit Bioziden im Kern, die Bakterienwachstum verhindern sollen oder Periodenunterwäsche, die ohne Biozide im Kern auskommt zur Auswahl. Bei beiden Möglichkeiten wird von den meisten Herstellern dazu geraten, den Menstruationsslip bei maximal 40 Grad mit Feinwaschmittel zu reinigen. Wenn wir jetzt also wissen, dass es Hersteller gibt, die extra Biozide einsetzen, weil die Unterwäsche bei Maximal 40 Grad nur unzureichend gereinigt werden kann, stellt sich die große Frage, was dann mit der Periodenwäsche ist, die keine Biozide enthält.

Wenn wir einen Perioden Panty ohne Biozid bei nur 40 Grad mit einem Feinwaschmittel oder Öko-Waschmittel waschen, können wir nicht garantieren, dass die Unterwäsche ausreichend gereinigt wurde, wie auch noch in einem Kommentar vom Bundesinstitut für Risikobewertung unterstrichen wird:

»Weiterhin wird generell davon ausgegangen, dass das Waschen bei 40 °C, wie es von vielen Herstellern von Menstruationsunterwäsche empfohlen wird, nicht für das Abtöten schädlicher Mikroorganismen ausreicht. (…)« (Quelle: BFR)

Aber wie sollten wir dann die Menstruationshöschen reinigen, damit sie wirklich hygienisch sauber sind?

 

Die Basics der Reinigung von Periodenunterwäsche

Das Prekäre ist, dass Menstruationsunterwäsche eigentlich heiß und mit dem entsprechenden Waschmittel gereinigt werden müsste:

»Ist die Unterwäsche zum Beispiel mit Blut beschmutzt (…), sollte man sie bei 60 Grad mit einem bleichmittelhaltigen Waschmittel waschen. […].« (Quelle: BR, 19.02.2021)

60 Grad und bleichmittelhaltiges Waschmittel – das würde aber ungefähr jedes Periodenhöschen am Markt langfristig zerstören. Und ein kaputt gewaschenes Period Panty ist eher nicht im Sinne der Nachhaltigkeit.

Ich weiß von einigen Menstruierenden, dass sie die Periodenwäsche entgegen der 40 Grad Empfehlung einfach bei 60 Grad waschen. Das kann eine Zeit gut klappen, aber langfristig gesehen den Wirkmechanismus und Langlebigkeit der Produkte massiv einkürzen.

1 I REINIGEN VON PERIOD-PANTIES, DIE BIOZIDE ENTHALTEN

Wenn wir einen Perioden Panty mit Biozid bei nur 40 Grad waschen, dann versprechen uns die Hersteller zwar, dass das Biozid sich um die entstehenden Mikroorganismen kümmert. Weiter oben haben wir aber gelernt, dass das mit dem Biozid auch nicht so eine saubere Sache ist. Dazu kommt noch, dass es »nicht bekannt ist, inwiefern die Verarbeitung verhindert, dass Silberchlorid oder andere Biozide bereits nach wenigen Waschgängen aus den Textilien herausgelöst sind (…)« ( Quelle: BFR).

2 I REINIGEN VON PERIOD-SLIPS OHNE BIOZIDE

Wie müssen dann die Period Panties ohne Biozide gewaschen werden? Bei diesen Slips gibt es praktisch keine Information dazu, wie gesund es ist, regelmäßig so einen Perioden Panty direkt im Intimbereich für mehrere Stunden zu tragen, geschweige denn für die von Herstellern oft empfohlenen 8 bis 24 Stunden. Auch diese Pants, zum Beispiel mit Bambus- oder Eukalyptusfaser hergestellt, sollen bei nur 40 Grad gewaschen werden. Es kann also meiner Meinung nach auch hier keine gründliche Reinigung gewährleistet werden. Zudem bestehen die Perioden Pants aus einem Mix aus verschiedensten textilen Materialien in einem mehrlagigen Schichtsystem, das ich persönlich bei genauerer Prüfung wahrscheinlich nie auch nur in die Nähe meines Intimbereichs lassen würde. Dr. Christian Albring sagt der Augsburger Allgemeinen gegenüber, dass bei der Wäsche von nur 40 Grad nicht rausgewaschene Blutreste »möglicherweise einen Nährboden für Keime bieten, den es bei sauberer Unterwäsche nicht gibt.«

 

Quelle: www.koramikino.de

Der Kreislauf – lassen sich Period Panties recyceln?

Wer nachhaltig leben möchte, dem ist es in den meisten Fällen ebenso wichtig, dass Stoffe gut recycelt werden können. Das gilt auch für Perioden Panties, die ja eine nachhaltige Alternative zu anderen Perioden-Produkten sein sollen. Da ist die Entsorgung genauso wichtig, wie der Müll, den er potentiell verhindern soll.

Die Kreislauffähigkeit ist für mich ein großes Fragezeichen bei all diesen Produkten. Denn kein mir bekannter Periodenslip ist so gefertigt, dass er problemlos zurück in den Kreislauf geführt werden könnte.

Meiner Meinung nach, können Mischmaterialien zum jetzigen stand der Technik in Rücknahme-Systemen nicht recycelt werden. Teilweise geben Hersteller wie Kora Mikino an, die Hosen zurückzunehmen, um sie dann zu recyclen. Auf dem obigen Bild gibt es von Kora Mikino dazu ein eigenes Statement. Ich frage mich ehrlich gesagt, wie das genau funktionieren soll – aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. In meinen Augen ist die einzige Verwertung der Höschen eine thermische, sprich das ausgetragene Höschen wird verbrannt. Oder maximal noch zu einem Putzlappen verwertet.

 

Wie fair werden Period Panties gefertigt? Gibt es Zertifizierungen?

Bei einigen Herstellern herrscht Intransparenz bei den Produktionsstandorten und Produktionsprozessen. So zum Beispiel bei der Marke Femtis, die angibt, unter »guten Bedingungen in Asien zu produzieren«, aber dazu keine weiteren Informationen aus Wettbewerbsgründen mit uns teilen wollte. Asien – das ist ein riesiger Kontinent. Und es gibt Länder wie Bangladesch oder China, in denen teilweise alles andere als unter guten Bedingungen produziert wird.

Andere Hersteller lassen ihre Periodenpanties z.B. in Rumänien fertigen. Leider haben wir auch dazu keinerlei weitere Auskünfte der Hersteller bekommen. Die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie dort standen in letzter Zeit in der Presse öfters in der Kritik. Hier ist es aber wie bei allem in der Textilindustrie: Ein fairer Umgang in der Produktionsstätte hängt sehr stark vom zuständigen Unternehmen ab und kann nicht generisch über einen Kamm geschert werden.

Auch bei den Zertifikaten gibt es große Qualitätsunterschiede. Manche Hersteller sind nur mit dem Oeko-Tex Standard 100 Siegel ausgezeichnet, wieder andere mit GOTS und Fairtrade Zertifikaten. Einen sehr guten Überblick zu den einzelnen Menstruationshöschen-Herstellern findest du bald in unserem großen Period Panty Guide, wo wir verschiedene Period Panties von 11 Herstellern getestet haben.

 

Wie nachhaltig ist Unterwäsche für die Menstruation denn jetzt? 

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, dass der Ressourcen-Input dem Ressourcen-Output gerecht wird. Außerdem bedeutet für mich Nachhaltigkeit, dass ein Produkt einen langfristig nachhaltigen Sinn und Nutzen hat. Warum kaufe ich mir nun also ein Menstruationshöschen? Wahrscheinlich weil ich Müll sparen, das Einführen von Tampons und Menstruationstassen vermeiden und mich freier beim Menstruieren fühlen will. Die Gründe können ganz verschieden sein.

Aber je länger ich mich mit dieser Thematik beschäftigte, desto mehr kann ich eigentlich auch das Statement unterschreiben, dass ich vor gut zwei Jahren einmal salopp in den sozialen Medien veröffentlicht habe: Solch eine Unterhose werde ich niemals tragen. Egal ob ich mir nun eine Unterwäsche mit Biozid oder mit viel Plastik anschaffe – am Ende schwitze und menstruiere ich stundenlang in ein Schichten-System aus einem Materialmix, den ich schon seit Jahren bei jedem anderen Textil systematisch vermeide und bei dem ich mir nicht sicher sein kann, was in den Kontakt mit meiner Vaginalflora gelangt. Von der Waschbarkeit und der Nachhaltigkeit ganz abgesehen.

Ich will niemand das »sich frei fühlen« absprechen. Und ich kann es wirklich gut verstehen, wenn diese Period Panties wie eine Art Befreiungsschlag sind. Besonders, wenn Frauen sich nicht gerne Hygieneprodukte einführen möchten. Ich sehe eher die Unternehmen in der Pflicht, dass genau dieses Freiheitsgefühl eines Perioden Panties nicht zum zwiespältigen, im schlimmsten Fall sogar unsicheren Kompromiss wird.

Wir sind heutzutage fast schon peinlich darauf bedacht möglichst wenig »Chemie« an unseren Körper zu lassen, tragen dann aber untenrum teilweise bis zu 24 Stunden ein mehrschichtiges, textiles Konstrukt welches teilweise aus synthetischen Polymeren, Bioziden und / oder PU Laminaten besteht?

Wie den Zitaten der Ärzt:innen in der Augsburger Allgemeinen auch zu entnehmen, bräuchten wir theoretisch deutlich mehr Period Panties als von vielen Herstellern empfohlen – mindestens drei am Tag, bei starken Blutungen sogar noch mehr. Bei einem regulären Zyklus von ca. fünf Tagen kommen wir dann locker auf acht bis zehn Panties. Oder wenn wir weniger besitzen, müssen wir permanent für saubere Höschen die Waschmaschine anschmeißen. Das ist alles andere als nachhaltig. Geschweige denn langlebig, denn viele der Panties halten höchstwahrscheinlich keine zwei Jahre durch.

Und leider blutet mir als Textilingenieurin unter anderem auch mein Herz: Manchmal fühlt es sich für mich so an, als ob es nur um Marketing ginge, nicht aber darum, wirklich nachhaltige Innovation zu schaffen. Textil ist nicht so easy wie manche Menschen vielleicht denken. Man kann es sich nicht einfach über Nacht anlesen – vor allem nicht ein so komplexes Thema wie Funktionstextilien für den Intimbereich.

Keines der aktuell verfügbaren Period Panties ist meiner Meinung nach wirklich innovativ. Es gab ein erstes Konzept aus den USA, das kopiert wurde und mit werbewirksamem Marketing für große Umsätze sorgte. Jetzt ist es an der Zeit, vor allem aus textilwissenschaftlicher Sicht, ein wirklich nachhaltiges, sicheres und umweltfreundliches Konzept für Periodenunterwäsche zu entwickeln – das kostet Zeit und Geld.

 

Vielen Dank Franzi für deine großartige Arbeit, dein Wissen und den umfangreichen Überblick zu diesem Thema.

 

Text: Lara Keuthen
Text-Assistenz: Rabea Wahner
Mitarbeit: Fenja Kramer, Wiebke Steiman

 

Fotos: Samantha Kandinsky/Pexels, cottonbro/Pexels, Sora Shimazaki/Pexels, Karolina Grabowska/Pexels, Huha Inc./Unsplash, Inciclo/Unsplash

 

Ihr habt keine Lust auf Periodenunterwäsche und wollt eure Monatsblutung allerdings nachhaltiger gestalten? Vielleicht ist dann eine Menstruationstasse das richtige für euch. Wir haben mehrere Menstruationscups für euch gestestet.

Ihr möchtet lieber Tampons aus Bio-Baumwolle benutzen? Günstig und ohne Schnick-Schnack? Hier geht es zu unserem Artikel: Warum Bio-Tampons keine Lifestyleprodukte sein müssen